Warum ein Babybauch dem Sport nicht im Weg steht

Ursina Steffen
Journalistin für SRF PULS

Squats und Planks statt Schwangerschaftsyoga und Atemübungen. MMA-Kämpferin Bestare Kicaj trainiert auch hochschwanger weiter. Ist das fahrlässig oder kann es sogar gesund sein für Mutter und Kind? Was die Wissenschaft über Sport in der Schwangerschaft weiss – und wo die Grenzen liegen. | Ursina Steffen, SRF Puls

Boxhandschuhe statt Schonhaltung

Bestare Kicaj kommt aus dem Leistungssport. Sie ist ehemalige MMA‑Fighterin, zweimal Training am Tag war über Jahre ihr Alltag. Auch dann noch, als sie vor rund drei Jahren mit ihrer ersten Tochter Luana schwanger wurde. Diese erste Schwangerschaft war für sie zumindest in einer Hinsicht frustrierend. Denn Bestare merkte schnell: Für sehr sportliche Frauen mit Babybauch gibt es kaum klare und verlässliche Informationen darüber, wie viel Training während der Schwangerschaft sinnvoll oder überhaupt erlaubt ist. 

«Wenn man sucht, findet man alles und nichts», sagt sie. «Die einen sagen das, die anderen genau das Gegenteil. Ich war irgendwann komplett überfordert.» Gerade weil ihr Sport Kampfsport ist, wurde sie noch unsicherer. Schon die Vorstellung einer Schwangeren, die boxt, lässt bei vielen die Alarmglocken klingeln. Seitens Fachwelt folgt als Rat oft eher ein pauschales «Nein» zum Boxen mit Babybauch. Denn Kontaktsportarten mit möglichen Schlägen gegen den Bauch, Sturz‑ oder Kollisionsgefahr gelten als tabu.

Nina Kimmich, stellvertretende Klinikdirektorin der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich, sagt dazu: «Natürlich ist es wichtig, gewisse Risikosituationen beim Sport im Blick zu behalten: Stürze oder Schläge auf den Bauch können unter anderem zu Blutungen oder dem Ablösen der Plazenta führen. Sport und intensive Bewegung an sich erhöhen jedoch nicht das Risiko für Fehl‑ oder Frühgeburten. Trotzdem halten sich viele Mythen, die Frauen eher verunsichern als helfen, aufzuklären.»

Sport in der Schwangerschaft ist erwünscht

Viele Schwangere erleben diese Zeit als Phase der Behutsamkeit. Sie schonen sich, oft ebenso auf den Rat von Ärztinnen und Ärzten wie aus ihrem Umfeld. Sport? Höchstens ganz sanft. Doch diese Vorstellung gilt in der Medizin tatsächlich seit einigen Jahren als überholt. Die Wissenschaft ist sich heute einig: Bewegung in der Schwangerschaft ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Immer vorausgesetzt, es sprechen keine medizinischen oder gesundheitlichen Gründe dagegen. Pauschale Warnungen wie «lieber nichts Anstrengendes machen» sind nicht nur medizinisch fragwürdig, sondern für sportlich ambitionierte Frauen auch enorm frustrierend. «Fachpersonen sprachen von moderatem Sport, aber was heisst das genau?», fragt Bestare. «Das hängt doch stark davon ab, auf welchem sportlichen Niveau jemand zuvor trainiert hat.»

Für Bestare, die sich hohe Trainingsumfänge gewohnt ist, fühlten sich viele Empfehlungen realitätsfern an. «Ich fand praktisch keine passenden Angebote. Ich fühlte mich nirgends richtig abgeholt.» Aus diesem Frust heraus fasste sie einen Entschluss, zunächst «aus Eigenbedarf», wie sie heute erzählt. Bestare absolvierte eine Weiterbildung zur Trainerin für die Zeit nach ihrer ersten Geburt. Sie wollte verstehen, was tatsächlich sinnvoll ist, wie Belastung angepasst werden kann und wo reale Grenzen liegen. Schnell merkte sie: Mit ihrem Frust ist sie nicht allein.

Die «Kampfmamis» – ein Trainings-Angebot

Tatsächlich sind Schwangere und sehr sportliche Mütter heute sichtbarer denn je. Das liegt einerseits an Spitzensportlerinnen wie der Leichtathletin Mujinga Kambundji oder der Tennisspielerin Belinda Bencic, aber auch an den sozialen Medien. Aus Expertinnensicht ist das Fluch und Segen zugleich, sagt Nina Kimmich: «Wenn Frauen mit positiven Beispielen vorangehen, kann das inspirieren und Sport in der Schwangerschaft salonfähiger machen. Gleichzeitig muss man aufpassen, denn negative Erfahrungen werden oft nicht geteilt. Ausserdem: Wenn man etwa eine hochschwangere  Mountainbikerin sieht, muss man das schon kritisch hinterfragen. Das ist nicht, was wir als ratsam erachten.» Neben klassischen Kursen wie Geburtsvorbereitung, Schwangerschaftsyoga und Rückbildungskursen entstehen zunehmend Angebote für ambitionierte Hobbysportlerinnen, auch im funktionellen Kraft‑ und Ausdauertraining. Bestare als Boxerin gründet die «Kampfmamis»: ein Trainingsangebot für Frauen, die Kampfsport betreiben und schwanger sind oder gerade geboren haben.

Geburt, Wochenbett – und dann?

In diesen Tagen ist nun ihr zweites Kind – Arion – zur Welt gekommen. Ein Sohn. Acht Tage nach der Geburt steht sie zum ersten Mal wieder auf der Matte, sehr zurückhaltend, wie sie sagt. Denn: Der Beckenboden braucht Zeit, um sich zu regenerieren. Zu frühe oder zu intensive Belastung kann langfristige Folgen haben, wie Inkontinenz oder Senkungsprobleme von Organen wie der Gebärmutter oder der Blase. Wann darf man wie intensiv wieder einsteigen?

Nina Kimmich sagt hierzu: «Leider gibt es keine pauschale Antwort darauf, wann welche Frau wieder wie intensiv mit Sport beginnen darf. Es ist sehr individuell und hängt auch damit zusammen, wie die Geburt verlief, ob es eine vaginale Geburt oder ein Kaiserschnitt war oder ob es zum Beispiel Geburtsverletzungen gab.» Umso wichtiger ist es für Bestare, dass sie achtsam wieder einsteigt. «Ich möchte mir keine Spätfolgen einhandeln», sagt sie. «Ich mache das jetzt bewusst, damit ich später davon profitiere.» Entscheidend sei für sie heute vor allem eines: auf die Signale des Körpers zu hören, gerade in den ersten Wochen und Monaten. 

Die Vorteile von Sport während der Schwangerschaft

Dass sich Schwangere grundsätzlich schonen sollten, ist ein veralteter Mythos. Heute weiss man: Sport in der Schwangerschaft ist gesund für Mutter und Kind. Sogar Frauen, die vorher keinen Sport gemacht haben, sollten während der Schwangerschaft damit anfangen – vorausgesetzt, es besteht keine Risikoschwangerschaft. Ausserdem hilft Sport…

  • …gegen Müdigkeit und schwere Beine
  • …er senkt das Risiko für Bluthochdruck
  • …nicht übermässig an Gewicht zuzunehmen
  • …die Plazentadurchblutung zu fördern, was gut für das Baby ist
  • …er senkt das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes
  • …kann sogar die Dauer der Geburt verkürzen
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Abonnieren Sie die Printversion von Gesundheitsecho, um Zugriff auf alle Informationen zum Thema zu haben: Erfahrungsberichte, Tests, nützliche Adressen, Infografiken und mehr.
Also warten Sie nicht länger!
CHF39.00
Oder abonnieren Sie direkt 8 Ausgaben!
CHF78.00

Loading