
Psychiater, Sexologe und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sexologie
Die Schwangerschaft ist eine Zeit tiefgreifender Veränderungen, sowohl körperlicher als auch psychischer und partnerschaftlicher Art. Auch wenn die Erwartung eines Kindes häufig im Vordergrund steht, bleibt die Frage nach Sexualität und Verlangen manchmal ein Tabuthema oder eine Quelle von Sorgen. Wie verändert der Körper das Erleben von Lust? Ist Geschlechtsverkehr unbedenklich? Um diese häufigen Fragen zu beantworten, haben wir Dr. med. Lakshmi Waber, Psychiater, Sexologe und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sexologie, getroffen. Er erläutert uns klar und einfühlsam die Aspekte der Sexualität während der Schwangerschaft und nach der Geburt. | Adeline Beijns
Was sind die wichtigsten Veränderungen (körperlich, hormonell und psychisch), die das Verlangen und die Sexualität von Frauen in den verschiedenen Trimestern der Schwangerschaft beeinflussen?
Die hormonellen Veränderungen gehören zweifellos zu den entscheidendsten Faktoren. Insbesondere der fortschreitende Anstieg des Progesterons wirkt sich im Allgemeinen positiv auf das Verlangen und die Stimmung aus. Dieser günstige hormonelle Einfluss zeigt sich häufig in einer grösseren Offenheit für Sexualität, einer höheren emotionalen Bereitschaft und bei manchen Frauen in einer gesteigerten Intensität der Empfindungen. Diese Wirkung ist jedoch über die neun Monate hinweg nicht gleichmässig: Sie variiert je nach Trimester und von Frau zu Frau. Auf körperlicher Ebene sind die Veränderungen ebenso bedeutend. Die fortschreitende Gewichtszunahme, die aufgrund des zunehmenden Bauchumfangs eingeschränkte Beweglichkeit sowie das Auftreten bestimmter Schmerzen führen naturgemäss dazu, dass die sexuellen Praktiken im Laufe der Zeit angepasst werden müssen.
Doch die Veränderungen beschränken sich nicht auf den Körper. Auf psychischer Ebene verändern sich auch die Wahrnehmung von Empfindungen, die Wünsche, die Erotik und die Fähigkeit, Neues zu erkunden. Die Schwangerschaft verändert die Beziehung zu sich selbst: Manche Frauen fühlen sich stärker mit ihrem Körper verbunden und verspüren mehr Verlangen, während andere Phasen von Müdigkeit, Verletzlichkeit oder einer Veränderung des eigenen Körperbildes durchleben. Es ist wichtig zu betonen, dass nicht nur die körperlichen Einschränkungen die Sexualität beeinflussen. Die Veränderungen innerhalb der Paarbeziehung spielen eine wesentliche Rolle. Der Partner ist nicht mehr nur ein Liebhaber, sondern wird auch zum künftigen Elternteil, was die Intimität bereichern oder im Gegenteil neue Distanzen schaffen kann.
Viele Paare fragen sich nach wie vor: Ist Geschlechtsverkehr während der gesamten Schwangerschaft unbedenklich? In welchen Fällen sollte darauf verzichtet oder sollte er angepasst werden?
Grundsätzlich ist sexuelle Aktivität während der gesamten Schwangerschaft unbedenklich. Entscheidend ist, die Praktiken an das anzupassen, was zum jeweiligen Zeitpunkt möglich und erwünscht ist. Der Körper verändert sich innerhalb weniger Monate rasch: Bestimmte Stellungen oder Gewohnheiten werden weniger angenehm, andere gewinnen an Bedeutung. Man sollte dies jedoch immer mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen. Bei einer medizinischen Kontraindikation oder bei schwangerschaftsbedingten Problemen kann von Geschlechtsverkehr abgeraten werden oder es können besondere Vorsichtsmassnahmen erforderlich sein. Die goldene Regel bleibt einfach: gemeinsam herauszufinden, worauf man hier und jetzt Lust hat, auf das zu verzichten, was nicht mehr passt, und das anzupassen, was angepasst werden kann.
Wie begleiten Sie ein Paar, wenn das Verlangen der einen oder des anderen während der Schwangerschaft stark abnimmt oder im Gegenteil zunimmt? Welche praktischen Ratschläge geben Sie?
Schwankungen des Verlangens sind ein fester Bestandteil der Schwangerschaft und treten in der einen oder anderen Form bei der grossen Mehrheit der Paare auf. Bei der Frau hängen sie hauptsächlich mit hormonellen Schwankungen zusammen, die das Verlangen je nach Phase verstärken oder vermindern können. Es ist jedoch wichtig, klar zu sagen: Eine Abnahme oder sogar ein vorübergehendes Fehlen spontanen sexuellen Verlangens bei der Frau während der Schwangerschaft ist völlig normal und häufig. Daran ist nichts «abnormal» oder «problematisch». Es handelt sich um eine natürliche Reaktion auf die zahlreichen hormonellen, körperlichen und psychischen Veränderungen, die gerade stattfinden, und keine Frau sollte sich deswegen schuldig oder «abnormal» fühlen.Man darf auch nicht vergessen, dass beim Mann ebenfalls bedeutende Veränderungen stattfinden. Vater zu werden stellt einen tiefgreifenden existenziellen Wandel dar: Die Identität verändert sich, die Rolle wandelt sich, und häufig entstehen zahlreiche Fragen hinsichtlich der eigentlichen Bedeutung des Geschlechtsverkehrs in diesem neuen Kontext der unmittelbar bevorstehenden Elternschaft. Am wichtigsten ist es, offen darüber zu sprechen. Gemeinsam mögliche Reibungspunkte, Ängste oder Missverständnisse zu erkennen und zu zweit nach Lösungen zu suchen. Das Gespräch hilft zu verstehen, dass diese Schwankungen normal sind, und die Verbindung aufrechtzuerhalten, auch wenn das Verlangen nicht synchron ist.
Die Veränderungen des Körpers beeinflussen häufig die Beziehung zu sich selbst und zum Partner. Welche Möglichkeiten schlagen Sie vor, damit die Sexualität trotz dieser Veränderungen eine Quelle von Lust und Verbundenheit bleibt?
Es gilt, sowohl die Praktiken anzupassen als auch den Sinn der Sexualität wiederzufinden. Das Ziel ist nicht unbedingt ein Orgasmus um jeden Preis, sondern körperliche Verbundenheit, Erotik und gemeinsam erlebte Lust. Diese Zeit kann zu einem besonderen Moment werden, um sowohl körperliche als auch emotionale Intimität zu erkunden. Diese Veränderungen als eine Phase zu betrachten, die man gemeinsam erlebt, statt als Hindernis, hilft sehr. Die Sexualität kann so ein Raum für Zärtlichkeit, Entdeckung und Nähe bleiben, auch wenn sich ihre Formen verändern.
Nach der Geburt fürchten viele Frauen die Rückkehr zu einem Sexualleben. Welches sind die häufigsten Hindernisse und wie können Paare diese schrittweise überwinden?
Die häufigsten Hindernisse sind postpartale Schmerzen und die Zeit, die für die Wiederherstellung der gynäkologischen Funktionen erforderlich ist. Es ist wichtig, gemeinsam darüber zu sprechen und bei Bedarf eine Fachperson zu konsultieren, wie z. B. eine:n spezialisierte:n Physiotherapeut:in, wenn keine besonderen Komplikationen vorliegen. Der wichtigste Rat besteht darin, eine schrittweise Rückkehr zu Sexualität und Erotik zu fördern.
Eltern zu werden verändert den Alltag, doch die intime Dimension der Paarbeziehung sollte nicht vergessen werden. Schritt für Schritt wieder damit zu beginnen und dabei den Rhythmus beider zu respektieren, ermöglicht es, Lust und Verbundenheit ohne Druck wieder einzuführen. Wichtig ist, die Sexualität nicht vollständig in den Hintergrund zu drängen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass sie sich Schritt für Schritt neu aufbaut.
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