Glaukom, Netzhautablösung, altersbedingte Makuladegeneration… Wen sollte man heute konsultieren?

Dr. med. Lilly Khamsy
FMH Fachärztin für Ophthalmologie und Ophthalmochirurgie

Die Ophthalmologie hat in den letzten Jahren eine regelrechte Revolution erlebt. Präzisere Techniken, innovative Behandlungen und eine zunehmend individualisierte Betreuung haben die Art und Weise verändert, wie wir Augenerkrankungen erkennen und behandeln. Zu den am meisten gefürchteten Erkrankungen gehören das Glaukom, die altersbedingte Makuladegeneration (AMD), die diabetische Retinopathie, die Netzhautablösung sowie Netzhautrisse. Werden sie rechtzeitig erkannt, ist die Behandlung häufig wirksamer. Angesichts dieser zunehmenden Komplexität ist es für eine einzelne Ärztin oder einen einzelnen Arzt schwierig geworden, sämtliche Bereiche bis ins Detail zu beherrschen. Deshalb hat sich die Ophthalmologie in Subspezialitäten gegliedert. Um diese neuen Gebiete besser zu verstehen und zu wissen, wann welche Fachperson konsultiert werden sollte, haben wir mit Dr. med. Lilly Khamsy, FMH Fachärztin für Ophthalmologie und Ophthalmochirurgie, gesprochen. | Adeline Beijns

Die Ophthalmologie hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Warum ist es heute für eine einzelne Fachperson so schwierig geworden, das gesamte Fachgebiet zu beherrschen?

Dafür gibt es zwei Hauptgründe. Einerseits ist das Auge ein komplexes, wichtiges und empfindliches Organ, andererseits entwickeln sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse rasch weiter. Allgemein tätige Ophthalmolog:innen übernehmen die regelmässige Betreuung der Patient:innen und beherrschen die häufigen Erkrankungen vollständig: trockenes Auge, Hornhautläsionen, Glaukom im Frühstadium, altersbedingte Makuladegeneration oder Netzhautrisse. Bei einem fortgeschrittenen Glaukom oder einer Hornhauterkrankung, die auf die üblichen Behandlungen nicht anspricht, können allgemein tätige Ophthalmolog:innen eine:n spezialisierte:n Kolleg:in beiziehen. Die Patient:innen profitieren dadurch von den Kompetenzen mehrerer Ärzt:innen und konsultieren ihre:n gewohnte:n Ophthalmolog:in weiterhin für die langfristige Nachsorge.

Man hört häufig, dass heute jeder Teil des Auges seine:n eigene:n Spezialist:in hat. Können Sie uns erklären, wie diese verschiedenen Subspezialitäten organisiert sind und in welchen Fällen Patient:innen an eine davon überwiesen werden?

Die Organisation der Ophthalmologie lässt sich verstehen, wenn man das Auge von vorne nach hinten betrachtet. Die Augenlider und die Haut rund um das Auge gehören zum Fachgebiet der okuloplastischen Chirurgie. Das vordere Augensegment, das die Hornhaut, die Bindehaut und die Linse umfasst, wird von Hornhautspezialist:innen betreut, die häufig auch Laseroperationen durchführen. Das Glaukom wird, obwohl es den Sehnerv schädigt, der sich im hinteren Teil des Auges befindet, als Erkrankung des vorderen Augensegments betrachtet, da die Augenflüssigkeit hinter der Iris produziert wird. Erkrankungen des Sehnervs werden von Neuroophthalmolog:innen behandelt.

Schliesslich gehört das hintere Augensegment, zu dem die Netzhaut zählt, zum Fachgebiet der Retinolog:innen. Dabei wird zwischen der medizinischen und der chirurgischen Retina unterschieden. Im Bereich der medizinischen Retina werden unter anderem die altersbedingte Makuladegeneration oder das diabetische Makulaödem betreut und mittels Injektionen ins Auge behandelt, um das Sehvermögen zu stabilisieren. Im Bereich der chirurgischen Retina können eine Netzhautablösung operiert, ein intraokularer Fremdkörper oder ein hinter die Linse gelangtes Linsenfragment entfernt werden, um die Sehfunktion bestmöglich zu erhalten. Darüber hinaus gibt es Spezialist:innen für Augenentzündungen, pädiatrische Ophthalmolog:innen zur Behandlung von Augenerkrankungen bei Kindern und viele weitere Subspezialist:innen.

Welche Rolle behält die «allgemein tätige» Ophthalmolog:in angesichts dieser zunehmenden Subspezialisierung im Behandlungspfad der Patient:innen?

Ihre Rolle bleibt zentral. So wie Hausärzt:innen für die allgemeine Gesundheit zuständig sind, sind Ophthalmolog:innen die zentrale Ansprechperson für die Gesundheit der Augen. Sie kennen die Krankengeschichte der Patient:innen und ihrer Familien, führen regelmässige Kontrollen durch, erkennen Sehprobleme, verordnen Brillen und organisieren die weitere Betreuung, falls eine spezialisierte Fachperson erforderlich ist.

Die Patient:innen stehen weiterhin im Mittelpunkt des Behandlungspfades. Selbst mit hochleistungsfähigen Untersuchungsmethoden bleiben das Zuhören, die klinische Untersuchung sowie die Beziehung zwischen Ärzt:in und Patient:in unverzichtbar.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fachpersonen der visuellen Gesundheit – Ophthalmolog:innen, Orthoptist:innen, Optometrist:innen und Hausärzt:innen –, um eine optimale Betreuung zu gewährleisten?

In der Schweiz spielen Ophthalmolog:innen, Optiker:innen, Optometrist:innen und Orthoptist:innen eine wichtige, sich ergänzende Rolle. Optiker:innen beraten ihre Kund:innen bei der Wahl der Brillenfassungen und geben Brillen oder Kontaktlinsen auf Grundlage einer Verordnung durch die Ophthalmolog:in oder Optometrist:in ab. Optometrist:innen führen Messungen der Sehschärfe durch, bestimmen die erforderliche Korrektur für Brillen und Kontaktlinsen und erstellen Aufnahmen des Auges. Orthoptist:innen sind auf die Diagnose, Behandlung und Rehabilitation von Seh- und Augenbewegungsstörungen wie Strabismus und Doppelbildern spezialisiert. Einige Fachgeschäfte bieten Vorsorgeuntersuchungen an. 

Für Personen über 40 Jahre oder mit familiärer Vorbelastung wird jedoch im Allgemeinen eine ophthalmologische Kontrolle etwa alle 5 Jahre empfohlen, selbst wenn keine Symptome bestehen, da sich bestimmte Erkrankungen wie das Glaukom über lange Zeit ohne sichtbare Anzeichen entwickeln können. Um die Kosten besser zu kontrollieren und Diagnoseverzögerungen zu vermeiden, hat die Schweizerische Ophthalmologische Gesellschaft (SOG-SSO) Entscheidungsbäume für Apotheker:innen, Optiker:innen, Onkolog:innen und Hausärzt:innen entwickelt, damit diese genau wissen, wann Patient:innen an Ophthalmolog:innen überwiesen werden sollten. Diese Entscheidungsbäume sind auf der Website der SOG-SSO verfügbar.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der Ophthalmologie in einem Umfeld, in dem sich diagnostische, therapeutische und chirurgische Erkenntnisse immer schneller weiterentwickeln?

Die Herausforderungen sind denjenigen vieler anderer medizinischer Fachgebiete heute recht ähnlich. Das Wissen, die diagnostischen Möglichkeiten und die chirurgischen Techniken entwickeln sich sehr rasch weiter. Dies erfordert eine kontinuierliche Aktualisierung unserer Praxis und unseres Wissens, was sich nicht immer leicht mit dem Alltag in der Sprechstunde vereinbaren lässt. Die künstliche Intelligenz stellt eine interessante Unterstützung dar, insbesondere um bestimmte administrative Aufgaben zu erleichtern und den Ärzt:innen mehr Zeit für ihre Patient:innen zu verschaffen. Meiner Ansicht nach besteht das Ziel darin, diese neuen Technologien zu nutzen, um die Qualität der Versorgung zu verbessern, indem mehr Zeit für das Wesentliche bleibt, nämlich für eine menschliche, individualisierte und auf meine Patient:innen ausgerichtete Medizin. 

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