
Psychiaterin und Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche
Angesichts der aktuellen Umwelt- und Klimaveränderungen tritt eine neue Form der Angst in unserer Gesellschaft auf: die sogenannte Öko-Angst. Dieses Phänomen, das von vielen Expert:innen für psychische Gesundheit anerkannt wird, betrifft vor allem die jüngeren Generationen, aber auch viele Erwachsene und Senioren. Welche psychologischen Mechanismen spielen dabei eine Rolle? Wir haben bei Dr. med. Séverine Cesalli, Psychiaterin und Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, nachgefragt. | Adeline Beijns
Wie würden Sie Öko-Angst beschreiben? Wie unterscheidet sie sich von Stress oder «normaler» Angst?
Öko-Angst ist eine spezifische Form der Angst, die mit dem Bewusstsein für die aktuelle Klima- und Umweltkrise zusammenhängt. Im Gegensatz zu gewöhnlichem Stress oder Ängsten zeichnet sich Öko-Angst durch eine anhaltende und oftmals starke Besorgnis über die Auswirkungen dieser Krise auf unsere Gesundheit oder sogar auf die Lebensfähigkeit unseres Planeten aus. Gefühle der Hilflosigkeit und Unsicherheit angesichts eines als umfassend und erdrückend empfundenen Problems, gepaart mit der allgemeinen relativen Untätigkeit, können zu Emotionen führen, die besonders schwer zu bewältigen sind. Öko-Angst entsteht unter anderem aus der «kognitiven Dissonanz» zwischen ausgeprägtem individuellen Umweltbewusstsein und kollektiver Verleugnung sowie aus der «Entfremdung» des Menschen von seiner natürlichen Umgebung.
Hängen Öko-Angst, antizipatorische Trauer und prätraumatischer Stress zusammen?
Ja, ganz genau. Alle drei Gefühlsreaktionen haben eine gemeinsame Dimension: die schmerzhafte und ängstliche Erwartung eines bevorstehenden Verlustes oder Traumas, wie sie beispielsweise bei einer Krebsdiagnose auftritt. Zusammen vereinen diese Reaktionen eine ganze Reihe von Gefühlszuständen, die auch bei gewöhnlichen Angst-, Trauer- und posttraumatischen Belastungszuständen auftreten.
Warum sind sowohl junge als auch ältere Menschen betroffen?
Dieses Phänomen betrifft alle «ökologisch scharfsichtigen» und umweltbewussten Menschen, d. h. diejenigen, die Zugang zu Informationen haben und nicht versuchen, die Umweltkrise zu verleugnen, unabhängig von ihrem Alter. Jugendliche und junge Erwachsene spüren diese Bedrohung sehr stark und können angesichts der bisherigen und aktuellen Untätigkeit eine richtige «Öko-Wut» empfinden. Bei älteren Menschen äussert sich Öko-Angst eher in Form von grossen Sorgen um die Zukunft ihrer Nachkommen. Während sich beispielsweise jüngere Menschen als Reaktion auf ihre Ängste oft mobilisieren und handeln, fühlen sich ältere Generationen häufiger schuldig, können sich aber auch wirkungsvoll mobilisieren.
Die WHO betrachtet die Umweltkrise als die grösste aktuelle Herausforderung im Gesundheitswesen. Welche konkreten Anzeichen für diese Krise können Sie in Ihrer klinischen Praxis oder Ihrem unmittelbaren Umfeld feststellen?
Als Klinikerin sehe ich die indirekten Auswirkungen der Umweltkrise, wie die Auswirkungen der endokrinen Disruptoren auf die Gehirnentwicklung von Kindern und die Auswirkungen der Coronapandemie. Ich stelle auch fest, dass die Zahl der jungen Patient:innen mit Angstsymptomen, die spezifisch auf den Zustand der Umwelt, aber auch auf geopolitische Spannungen und mangelnde Zukunftsperspektiven zurückzuführen sind, deutlich zunimmt, da dies alles mit einem zivilisatorischen Verfall zusammenhängt. Eine echte Herausforderung für Menschen, die unter Öko-Angst leiden, ist die Suche nach einer Gesundheitsfachkraft, die ebenfalls umweltbewusst ist. Denn nicht alle Therapeut:innen besitzen zwangsläufig diese ökologische Sensibilität, und eine teilweise Verleugnung seitens der Gesundheitsfachkraft kann unbeabsichtigt das Leid umweltbewusster Menschen verschlimmern.
Welche therapeutischen Ressourcen oder Methoden stehen für die Begleitung von Menschen zur Verfügung, die unter Klima- oder geopolitischen Ängsten leiden?
Bei diesen Ängsten helfen verschiedene Ansätze. Manchmal helfen Psychotherapien durch Verbesserung der allgemeinen psychischen Funktionsfähigkeit und des Gefühls der Selbst- und Lebenskontrolle, besser mit Angstgedanken, Gefühlen der Ohnmacht und damit verbundenen Verhaltensweisen umzugehen. Vereinfacht gesagt ist es oft von Vorteil, seinen Informationskonsum zu begrenzen, Aktivitäten im Zusammenhang mit der Natur zu bevorzugen und Menschen mit ähnlicher Sensibilität um sich zu haben.
Aktives Zuhören zu zweit oder in der Gruppe, Workshops zu «Arbeit, die wieder verbindet» («work that reconnects») von Joanna Macy oder veränderte Bewusstseinszustände (z. B. durch Gebet oder Meditation) können ebenfalls sehr hilfreich sein, um das tägliche Wohlbefinden zu steigern und die individuelle und kollektive Resilienz zu stärken. Schliesslich können Massnahmen zur Verbesserung der Umweltsituation Öko-Angst verringern. Wenn die kollektiven Massnahmen (absichtlich oder durch den Verlust von Ressourcen) unserem problematischen Umgang mit der Umwelt effektiv begegnen werden, wird Öko-Angst keine wirkliche Daseinsberechtigung mehr haben.
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