Sich bewegen, um neu zu beginnen: Einen Schlaganfall mit 33 Jahren überleben

Vincent, 33 Jahre alt

Mit 33 Jahren führte Vincent ein erfülltes Leben. Er ist Vater einer kleinen Tochter, die bald ihren ersten Geburtstag feiern wird, und ein leidenschaftlicher Fachmann für Angepasste Körperliche Aktivität. Tagtäglich begleitete er Menschen mit körperlichen, psychischen oder sozialen Einschränkungen. Am 1. Juni 2023 gerät plötzlich alles aus den Fugen. Ein Schlaganfall trifft ihn völlig unerwartet. Was das Ende hätte sein können, wird dank seines Berufs, seines Optimismus und einer ruhigen Entschlossenheit zum Beginn einer neuen Art zu leben. | Adeline Beijns

Ein gewöhnlicher Morgen, der alles verändert

Zunächst ist es nur ein gewöhnlicher Schmerz hinten im Nacken, direkt am oberen Ende der Wirbelsäule. Zwei Wochen lang schiebt Vincent ihn auf die Muskeln, die durch die Wiederaufnahme des Tennisspielens beansprucht wurden. Nichts Beunruhigendes für einen 33-Jährigen. Doch eines Morgens im Juni werden die Schmerzen unerträglich. Er bittet seine Partnerin um ein Schmerzmittel. Als er die Tablette schluckt, verschwindet ein Teil der Sensibilität auf der rechten Seite seines Mundes. Der Rettungsdienst trifft ein. 

Im Spital lautet die Diagnose: Schlaganfall. Es folgen zehn Tage Spitalaufenthalt und anschliessend drei Monate Rehabilitation bei der SUVA. Eine Körperseite reagiert nur eingeschränkt, hinzu kommen Sehstörungen (Doppelbilder und vibrierende Bilder), Gleichgewichtsstörungen, eine verzerrte Wahrnehmung von Geradestehen und Gleichgewicht sowie eine beeinträchtigte Wahrnehmung von Wärme, Kälte und Nässe. Vincent, der Mensch, der Bewegung liebte, kann keine zwanzig Meter mehr gehen. Er muss alles neu lernen: gehen, essen, aufrecht stehen.

Wenn Nackenschmerzen zum Warnsignal werden

Vincents Schlaganfall ereignete sich nicht «im Nacken», sondern im Gehirn. Bei jungen Erwachsenen wird er häufig durch eine Dissektion der Arteria vertebralis verursacht: einen Einriss in der Wand einer Arterie, die durch die Halswirbel verläuft und den hinteren Teil des Gehirns versorgt, der unter anderem für Gleichgewicht, Sehen und Koordination zuständig ist. Es bildet sich ein Hämatom, der Blutfluss wird vermindert oder ein Blutgerinnsel löst sich, und es kommt zum Schlaganfall. Die ungewöhnlichen Schmerzen im Nacken, welche bei Vincent dem Schlaganfall mehrere Tage vorausgingen, sind das häufigste Warnzeichen solcher Dissektionen. Die anschliessend auftretenden Symptome (Sehstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Sensibilitätsstörungen…) entsprechen genau dieser Form eines Schlaganfalls im hinteren Kreislauf.

Diese Form ist selten, kann jedoch in jedem Alter auftreten. Sie erinnert daran, dass anhaltende Nackenschmerzen, insbesondere wenn sie mit weiteren neurologischen Anzeichen einhergehen, immer eine sofortige ärztliche Abklärung erfordern. Auch wenn sie zunächst harmlos erscheinen, wie bei Vincent, der sie nach dem Tennisspielen seinen Muskeln zuschrieb, dürfen solche Schmerzen niemals unterschätzt werden. Eine rasche Behandlung verbessert die Prognose häufig entscheidend.

In den Augen der anderen: eine unsichtbare Stärke

An diesem Tag sollte seine Partnerin die Schlüssel des Hauses abholen, das sie gerade gekauft hatten. Der Umzug, die Betreuung der kleinen Tochter, die Arbeit… Plötzlich lastet alles auf ihren Schultern und auf einem Netzwerk aus Freund:innen und Kolleg:innen. Eine enorme Welle der Solidarität entsteht. Thomas, sein Geschäftspartner, mit dem er ein gemeinsames Unternehmen gegründet hat, übernimmt ohne Zögern. Seine Angehörigen versuchen, Vincent vor der ganzen Tragweite seiner Erkrankung zu schützen. Unter dem Einfluss der Medikamente oder durch den natürlichen Schutzmechanismus des Gehirns ist er sich seiner Situation nicht vollständig bewusst. 

Er konzentriert sich einfach darauf, «sein Ding zu machen». Während der drei Monate bei der SUVA herrscht eine besondere Atmosphäre: Viele Therapeut:innen sind ehemalige Kolleg:innen. Dadurch gleicht das Umfeld eher einem intensiven Wiederaufbautraining unter wohlwollenden Bekannten als einem kühlen klinischen Aufenthalt. Vestibuläre Physiotherapie, Schluckrehabilitation, Ergotherapie, Psychotherapie… Das Programm ist dicht. Vincent lernt schnell eine wesentliche Lektion: Das Gleichgewicht zwischen dem Willen, voranzukommen, und der Ruhe, die der Körper braucht, zu finden.

Das auf sich selbst anwenden, was man anderen vermittelt

Mit einem Masterabschluss in Angepasster Körperlicher Aktivität war sich Vincent bereits der Macht von Bewegung bewusst. Doch dieses Mal ist er selbst der Patient. Er hätte sich mit den spezifischen Übungen zufriedengeben können. Stattdessen entscheidet er sich für einen anderen Weg: Er nimmt schrittweise jene Aktivitäten wieder auf, die ihm früher Freude bereiteten (Radfahren, Skifahren, Wandern und Tennis), wobei er jede Bewegung an seine neuen Einschränkungen anpasst. Anfangs zeigt sich die Freude rar. Tennis mit nur 20% der früheren Leistungsfähigkeit zu spielen oder trotz Gleichgewichts- und Sehstörungen Fahrrad zu fahren, erfordert enorme Energie bei bescheidenem Ergebnis. 

Dennoch findet er gerade in diesen für ihn bedeutsamen Aktivitäten die Motivation, durchzuhalten. «Auch wenn es schwierig ist, mache ich es lieber mit etwas, das mir Freude bereitet», sagt er sich. Nach und nach verändert sich der Kampf. Heute ist eine Velotour wieder ein Moment der Freude geworden, auch wenn ihn seine Augen manchmal noch beeinträchtigen. 

Er lernt ausserdem, seine Kräfte richtig einzuteilen: Zu viel Anstrengung erschöpft den noch immer empfindlichen Körper, zu wenig Bewegung bremst die Fortschritte. Indem er dieses Gleichgewicht zwischen Aktivität und Erholung findet und in seinem eigenen Tempo Fortschritte macht, stellt Vincent fest, dass sich seine Gleichgewichts- und Sehstörungen allmählich verbessern. Dieser Ansatz, den er früher selbst seinen Patient:innen vermittelte, wird zu seinem eigenen Kompass: Unabhängig vom Ausgangsniveau bleibt die Hoffnung am Leben, solange man jeden Tag ein kleines Stück vorankommt.

Heute: ein neu ausgerichtetes Leben

Drei Jahre später ist Vincent 36 Jahre alt. Er hat seine berufliche Tätigkeit wieder aufgenommen, allerdings in angepasster Form: reduziertes Arbeitspensum, Ruhepausen, wenn der Körper sie verlangt, und angepasste Arbeitsbedingungen dank des Verständnisses der Klinik, in der er arbeitet. Die Folgen des Schlaganfalls bestehen weiterhin, insbesondere die Sehstörungen, doch seine Sicht auf das Leben hat sich verändert. «Es geht mir gut» ist für ihn keine Frage der körperlichen Leistungsfähigkeit mehr, sondern eine Geisteshaltung. 

Er schätzt das, was geblieben ist, setzt die Prioritäten neu und geht mit den Karten weiter, die ihm das Leben neu ausgeteilt hat. Seine Botschaft ist klar und frei von Pathos: Unabhängig von den Einschränkungen findet sich immer etwas, das man tun kann, Schritt für Schritt, angepasst und mit Geduld.Körperliche Aktivität ist nicht nur ein Medikament für Körper und Geist; sie ist ein Werkzeug, um in der Ungewissheit die Hoffnung zu bewahren. Vincent versucht nicht, sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Er erzählt einfach, was er erlebt hat, damit andere eines Tages den Mut finden, sich ein wenig mehr zu bewegen, sich mit den richtigen Menschen zu umgeben und zu entdecken, dass man vorankommen kann, selbst wenn sich die Spielregeln von einem Tag auf den anderen verändert haben.

Noch heute erzählen ihm Menschen, dass sie durch seinen Erfahrungsbericht wieder eine angepasste körperliche Aktivität aufgenommen haben, selbst wenn sie nur bescheiden ist. Diese Rückmeldungen bestätigen: Manchmal genügt schon ein ganz kleiner Schritt, um einen ersten Funken Hoffnung wiederzufinden. Für Vincent ist Bewegung nicht mehr nur ein Beruf oder eine frühere Leidenschaft; sie ist zum konkreten Beweis geworden, dass man immer einen Weg finden kann, so schmal er auch sein mag, hin zu einem Leben, das weiterhin Sinn hat. 

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