Mit 80 erfindet Théo sein Glück im Pflegeheim neu

Théo Siegrist, 80 Jahre alt

Der Eintritt ins Pflegeheim kann bei vielen älteren Menschen und ihrem Umfeld Verunsicherung oder gar Ängste auslösen. Doch dieser Schritt kann auch Türöffner für ein reiches Sozialleben, neue Hobbys und einen bewegten Alltag sein. Der 80-jährige Théo Siegrist aus Payerne erzählt von seinem fröhlichen und aktiven Leben im Pflegeheim, in dem er seit fünf Jahren wohnt. Eine Begegnung mit einem Mann, der jeden Tag gut gelaunt ist und voller Überzeugung sagt: «Das Leben ist schön.» | Adeline Beijns

Erste Schritte im Pflegeheim

Als Théo Siegrist das erste Mal das Pflegeheim betrat, war er gerade aus dem Spital entlassen worden. «Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als mich mein Sohn hierher gebracht hat», erzählt er mit einem strahlenden Lächeln. «Ich wusste sofort, dass ich mich hier wohlfühlen würde.» Fern von Klischees spürte Théo weder Angst noch Traurigkeit. Im Gegenteil, er genoss sofort den Ort, die Farben, das Licht und vor allem die Freundlichkeit der Belegschaft, die ihn herzlich begrüsste. «Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick», sagt er. Théo erzählt eindrücklich von der Erleichterung, nach einem anstrengenden Spitalaufenthalt so eine einladende Umgebung anzutreffen.

Gelungene Eingewöhnung

Seine schnelle Eingewöhnung führt Théo auf die Geselligkeit im Betrieb zurück. «Was mir geholfen hat, mich zu Hause zu fühlen, sind die Menschen», sagt er. «Hier gibt es immer jemanden, mit dem man sich austauschen kann, seien es die anderen Bewohnenden oder die Mitarbeitenden, die ich sehr schätze.» Er erwähnt auch den Einfluss der Umgebung: Sein Balkon im ersten Stock, von dem er eine schöne Aussicht geniessen kann, ist ein Wohlfühlort, der ihn an sein früheres Leben erinnert. «Anfangs habe ich meinen aufregenden Alltag vermisst», sagt er, «aber durch die Aktivitäten habe ich dieses stimulierende Gefühl zurückgewonnen.» Heute könnte er sich nicht vorstellen, woanders zu leben.

Zurück zu alten Hobbys und Vergnügen

Unter den angebotenen Aktivitäten liebt Théo besonders diejenigen, die die fünf Sinne schärfen: Schmecken, Tasten, Riechen, Hören und Sehen. Genussvoll erzählt er von Degustationen, die seine Geschmacksknospen trainieren, sowie von Gesellschaftsspielen, die seinen wachen Geist anregen. 

Seine Lieblingsaktivität bleibt aber das Basteln: «Ich mag die Präzision und das Schneiden, das ist fast schon therapeutisch», lacht er. Ausserdem schätzt er die liebevoll zubereiteten Mahlzeiten des Pflegeheims sehr, wie das hervorragende Chateaubriand, das er kürzlich genossen hat. «Das Essen ist eine tägliche Freude», sagt Théo, «und hier schmeckt es besonders gut.» 

Ein reiches Sozialleben trotz Herausforderungen

Im Laufe der Jahre hat Théo Kontakte zu einigen Bewohnenden geknüpft. Aber er gesteht, dass der Austausch begrenzt ist, da viele von ihnen an Alzheimer oder Parkinson leiden. «Das schränkt den täglichen Kontakt ein», sagt er. «Zum Glück kompensiere ich das weitgehend durch meine Interaktionen mit der Belegschaft.» Théo betont, wie sehr er die bereichernden Gespräche mit den Angestellten schätzt, deren Freundlichkeit und Humor seinen Tag erhellen. Théo nimmt auch aktiv am Workshop Zeitungslektüre teil, wo jeden Morgen jemand aus der Belegschaft die Nachrichten liest und kommentiert, sodass er mit der Aussenwelt verbunden bleibt. Humorvoll schildert er die leidenschaftlichen Diskussionen, die manchmal bei den Tagesmeldungen aufkommen.

Ein perfekter Tag mit Théo

Ein perfekter Tag für Théo beginnt früh mit einem gemütlichen Kaffee auf dem Balkon, bei dem er die schöne Aussicht geniesst. «Das ist mein kleines Glücksritual», sagt er. «Dem Sonnenaufgang zuzuschauen, schenkt mir Energie für den ganzen Tag.» Nach dem Frühstück nimmt Théo an den verschiedenen angebotenen Aktivitäten teil, wechselt zwischen Bastelworkshops und Gesellschaftsspielen, und widmet sich dann seiner Leidenschaft: dem Schreiben. Regelmässig schreibt er für regionale Zeitungen und Zeitschriften und behält dabei alle Regeln der Rechtschreibung und Grammatik im Auge. «Schreiben ist mein Sauerstoff», schwärmt er. Am Ende des Tages nimmt er sich auch gerne Zeit, um gemütlich durch den Garten des Pflegeheims zu spazieren und die frische Luft einzuatmen.

Familie als Grundpfeiler seines Glücks

Théo ist stolz, einen Sohn und eine Tochter zu haben, mit denen er regelmässig Kontakt hat. Obwohl seine Kinder und Enkel weit weg wohnen, ist er ihnen sehr nahe. Regelmässige Anrufe und Besuche sind ein Taktgeber für sein Leben und stärken sein Glücksgefühl. Zudem pflegt er ein gutes Verhältnis zu seiner Ex-Frau, mit der er gerne Erinnerungen und Nachrichten aus der Familie teilt. «Meine Familie spielt für mein tägliches Wohlbefinden eine grosse Rolle», betont er emotional. Diese familiären Bindungen erinnern ihn immer wieder daran, dass Entfernungen Zuneigung und Liebe nichts anhaben können.

Bei Familientreffen erzählt Théo gerne die vielen Anekdoten aus seinem Leben und spricht mit Begeisterung über seine vielfältigen Erinnerungen: von seinem Turnunterricht in der Grundschule über leidenschaftliche Fussballspiele in seiner Jugend und seine lehrreichen Jahre in England, um sein Englisch zu verbessern, bis hin zu seinen spannenden beruflichen Abenteuern in Portugal, und nicht zu vergessen seinen eindrücklichen Erlebnissen und überraschenden Begegnungen auf seinen zahlreichen Geschäftsreisen durch Europa. Und das alles zur Freude und Faszination seiner Enkelkinder, die ihm immer aufmerksam und voller Bewunderung zuhören.

Eine inspirierende Philosophie

Wenn es etwas gibt, das Théo besonders auszeichnet, dann ist es seine Lebensphilosophie. Sein einfaches, aber aussagekräftiges Motto lautet: «Das Leben ist schön.» Ein Mantra, das er täglich umsetzt und an die anderen Bewohnenden weitergeben möchte: «In jedem Alter gibt es Glück zu entdecken. Ich rate ihnen, sich dem zu öffnen, was das Leben bietet, auch im Pflegeheim. Positives muss man täglich kultivieren, das ist essenziell, um fit zu bleiben.» Théo ist überzeugt, dass jeder Tag einzigartige Chancen bietet, und dass das Ergreifen dieser Chancen das Leben wunderbar macht. 

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