Schwanger oder nicht? 

Dr. med. Dorothea Wunder
Oberärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Kantonsspital Freiburg

Das Thema Fruchtbarkeit ist auch heute noch von vielen Vorurteilen umgeben. Wann sollte man sich Sorgen machen? Spielt das Alter wirklich eine so grosse Rolle? Welche Massnahmen im Alltag können einen Unterschied machen? Um mehr Klarheit zu schaffen, haben wir uns mit Dr. med. Dorothea Wunder getroffen, Oberärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Kantonsspital Freiburg. Mit Einfühlungsvermögen und Klarheit beantwortet sie Fragen, die sich viele Paare stellen. | Adeline Beijns

Was versteht man genau unter «Fruchtbarkeit» und welche Faktoren beeinflussen sie?

Fruchtbarkeit ist die Fähigkeit, durch regelmässigen ungeschützten Geschlechtsverkehr ein Kind zu zeugen und die Schwangerschaft unter guten Bedingungen auszutragen. Man unterscheidet klar zwischen zwei Situationen: der Sterilität, die das Ausbleiben einer Schwangerschaft nach einem Jahr des Versuchs bezeichnet, und der Unfruchtbarkeit im weiteren Sinne, die Paare betrifft, denen zwar die Empfängnis gelingt, die Schwangerschaft jedoch aufgrund einer Fehlgeburt oder einer Eileiterschwangerschaft nicht bis zum Ende aufrechterhalten werden kann.

Es gibt zahlreiche Faktoren, die die Fruchtbarkeit beeinflussen, und diese betreffen sehr oft beide Partner:innen. Der Lebensstil spielt für Männer und Frauen eine gleichermassen wichtige Rolle: Ernährung, Gewicht (sowohl Übergewicht als auch Untergewicht), Rauchen, Alkohol- oder Drogenkonsum, chronischer Stress in Verbindung mit Schlafmangel oder auch zu intensive körperliche Aktivität, die den Menstruationszyklus bei Frauen stören kann. Das Alter bleibt einer der entscheidenden Faktoren. Bei Frauen ist seine Bedeutung allgemein bekannt und wird oft thematisiert. Bei Männern herrscht jedoch noch allzu oft die irrtümliche Annahme, dass das Alter keinen Einfluss habe. Studien haben jedoch eindeutig gezeigt, dass ab dem 40. Lebensjahr das Risiko einer Fehlgeburt deutlich ansteigt. 

Bei Frauen können auch andere spezifische Faktoren eine Rolle spielen: das Vorliegen von Gebärmuttermyomen, Endometriose, seltenen Fehlbildungen der Gebärmutter oder auch sexuell übertragbare Infektionen wie Chlamydien, die die Eileiter schädigen und die Chancen auf eine Schwangerschaft verringern können.

Ab wann sollte ein Paar eine:n Ärzt:in aufsuchen?

Die Antwort hängt im Wesentlichen vom Alter der Frau ab, da sich die Fruchtbarkeit im Laufe der Zeit verändert und die Zeit eine wichtige Rolle spielt. Ist die werdende Mutter älter als 35 Jahre, wird empfohlen, spätestens sechs Monate nach Beginn der Versuche eine:n Ärzt:in aufzusuchen. In diesem Alter nimmt die Eizellreserve schnell ab, und eine frühzeitige Behandlung erhöht die Erfolgschancen. Bei einer jüngeren Frau (unter 35 Jahren) wird allgemein davon ausgegangen, dass man etwa ein Jahr mit regelmässigem ungeschütztem Geschlechtsverkehr ohne Schwangerschaft abwarten sollte, bevor man eine:n Ärzt:in aufsucht. Diese Frist kann je nach den Plänen des Paares manchmal auf bis zu zwei Jahre verlängert werden: Wenn die Partner:innen beispielsweise nur ein Kind haben möchten oder noch Zeit haben. Wenn der Kinderwunsch hingegen dringlich ist oder das Paar bereits Schwierigkeiten hatte, sollte man nicht zögern. 

Sobald eine Frau mindestens drei aufeinanderfolgende Fehlgeburten erlebt hat, ist es wichtig, umgehend eine:n Ärzt:in aufzusuchen. In diesem Fall besteht unsere Aufgabe darin, die möglichen Ursachen – seien sie hormoneller, anatomischer, genetischer Natur oder auf eine Grunderkrankung zurückzuführen – gründlich zu untersuchen, um eine geeignete Behandlung vorzuschlagen und die Chancen einer erfolgreichen Schwangerschaft zu erhöhen. Der Grundgedanke ist einfach: Lieber zu früh als zu spät. Eine frühzeitige Beratung ist nie umsonst, denn sie kann das Paar beruhigen und schnell die am besten geeigneten Untersuchungen und Lösungen einleiten.

Spielt das Alter wirklich eine wichtige Rolle, sowohl bei Frauen als auch bei Männern?

Ja, und es ist, wie bereits erwähnt, sogar einer der entscheidenden Faktoren. Bei Frauen nimmt die Fruchtbarkeit mit der Zeit allmählich ab, besonders deutlich nach dem 35. Lebensjahr. Das Alter beeinflusst auch das Risiko einer Fehlgeburt, eines Down-Syndroms und anderer Chromosomenanomalien.

Gibt es Lebensgewohnheiten, die die Chancen auf eine Schwangerschaft verbessern oder im Gegenteil verringern können?

Wie bereits erwähnt, beeinflussen zahlreiche Faktoren im Zusammenhang mit dem Lebensstil die Fruchtbarkeit beider Partner:innen. Die gute Nachricht ist, dass sich ein Grossteil davon beeinflussen lässt und dass einfache Anpassungen die Chancen auf eine Schwangerschaft deutlich steigern können.Ich empfehle insbesondere eine mediterrane Ernährung, die reich an Obst, Gemüse, hochwertigen Pflanzenölen, Nüssen und Hülsenfrüchten ist, während raffinierter Zucker und stark verarbeitete Lebensmittel gemieden werden sollten. 

Dieser Ansatz fördert nicht nur die Empfängnis, sondern senkt auch das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes während der Schwangerschaft. Darüber hinaus ist es unerlässlich, einen insgesamt gesunden Lebensstil zu pflegen: Man sollte auf erholsamen Schlaf achten, Stress durch Entspannungsphasen abbauen und sich für moderate, regelmässige körperliche Aktivität entscheiden, anstatt extreme Trainingsformen wie Marathon oder Triathlon zu betreiben. Auch die Aufrechterhaltung eines Gewichts im Normalbereich bleibt ein wichtiger Grundpfeiler.

Welche aufmunternde Botschaft möchten Sie den Menschen mitgeben, die einen manchmal langen und anstrengenden Weg zur Familiengründung durchlaufen?

Vor allem möchte ich ihnen eine Botschaft der aufrichtigen Hoffnung übermitteln. Auch wenn der Weg manchmal lang, anstrengend und von starken Emotionen geprägt erscheinen mag, darf man das Vertrauen nicht verlieren. Die Reproduktionsmedizin hat heute erhebliche Fortschritte gemacht, und uns steht eine sehr breite Palette an Behandlungen zur Verfügung, die auf jede einzelne Situation zugeschnitten sind.

Ob durch ovarielle Stimulation, Insemination, In-vitro-Fertilisation oder andere fortschrittlichere Techniken – es gibt zahlreiche Lösungen. Wir können auch Strategien zur Erhaltung der Fruchtbarkeit anbieten, wie beispielsweise das Einfrieren von Eizellen, die es ermöglichen, die biologische Uhr «anzuhalten» und die Chancen auf einen zukünftigen Erfolg zu erhöhen. 

Jedes Paar ist einzigartig, und unsere Aufgabe ist es, es während des gesamten Prozesses mit Einfühlungsvermögen, Aufmerksamkeit und Fachwissen zu begleiten. Viele Menschen, die anfangs dachten, ihr Traum sei unerreichbar, halten ihr Kind schliesslich doch in den Armen. Der Schlüssel liegt oft darin, früh genug eine:n Ärzt:in aufzusuchen und niemals zu zögern, um Hilfe zu bitten. 

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