
Spezialist für Adipositas, Diabetes und therapeutische
Patient:innenedukation an den Universitätsspitälern Genf (HUG)
Angesichts der alarmierenden Zunahme von Typ-2-Diabetes, der häufig mit Herz-Kreislauf-Komplikationen einhergeht, ist es von entscheidender Bedeutung, Strategien zur Prävention und zur Bewältigung dieser Risiken besser zu verstehen. Um mehr über das Thema zu erfahren, haben wir Prof. Dr. med. Zoltan Pataky (zpataky.com) befragt, ausserordentlicher Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Genf und Leiter der Abteilung für therapeutische Patient:innenaufklärung (ETP) an den Universitätskliniken Genf (HUG). Als anerkannter Experte für die Behandlung von Stoffwechselerkrankungen teilt er mit uns seine klinischen Erfahrungen und seine Perspektiven zur Entwicklung der Behandlungen. | Adeline Beijns
Beobachten Sie in Ihrer Praxis einen Anstieg an Patient:innen mit Typ-2-Diabetes und kardiovaskulären Komorbiditäten?
Ja, leider. Ich persönlich bevorzuge den Begriff «kardio-metabolisch», da er die Reihe an Begleiterkrankungen am Herz-Kreislauf-System mit einbezieht. Der Begriff umfasst nicht nur Diabetes, sondern auch Bluthochdruck, Hypercholesterinämie und kardiovaskuläre Komplikationen im eigentlichen Sinne (Myokardinfarkt und Schlaganfall). Diese Begleiterkrankungen verstärken sich gegenseitig und stellen eine grosse Herausforderung für die öffentliche Gesundheit dar.
Was sind die bevorzugten Behandlungsmethoden von Patient:innen, um kardiovaskuläre Komplikationen zu reduzieren?
Die Behandlung konzentriert sich in erster Linie auf einen stabilen und dauerhaften Blutzuckerspiegel. Es ist bekannt, dass ein langfristig gut eingestellter Diabetes das Risiko für Komplikationen deutlich senkt – nicht nur für klassische Komplikationen wie Retinopathie, Neuropathie oder Nierenschäden, sondern auch für Herz-Kreislauf-Probleme. Im Mittelpunkt dieser Strategie steht die therapeutische Aufklärung der Patient:innen. Das Ziel ist es, die Patient:innen so selbstständig wie möglich zu machen, damit sie ihren Diabetes unter Berücksichtigung ihrer körperlichen Aktivität, ihrer Ernährung, ihres Lebensstils und ihrer Emotionen, die alle einen direkten Einfluss auf den Blutzuckerspiegel haben, bestmöglich selbst verwalten können. Durch einen patient:innenzentrierten Ansatz können sowohl akute als auch chronische Komplikationen verhindert werden.
Die neuesten Empfehlungen betonen die Bedeutung eines multidisziplinären Ansatzes zwischen Diabetologie, Kardiologie und Innerer Medizin. Wie sieht das konkret in Ihrer täglichen Praxis aus?
In meiner Praxis ist dieser interdisziplinäre Ansatz fest verankert: Die Gesundheitsfachkräfte arbeiten zum Wohle der Patient:innen im Team zusammen, und wir stimmen alle Entscheidungen mit ihnen ab. Zum Team gehören Fachärzt:innen, Pflegekräfte, Psycholog:innen, Physiotherapeut:innen und Ernährungsberater:innen. Gemeinsam treffen wir therapeutische Entscheidungen, besprechen diese mit den Patient:innen und entwickeln gemeinsam realistische und nachhaltige Ziele.
Das kardiovaskuläre Risiko wird bei Diabetespatient:innen oft unterschätzt. Wie kann eine frühzeitigere Erkennung und Behandlung ermöglicht werden?
Dieses Risiko wird in der Tat oft unterschätzt, und die Primärprävention – die von Allgemeinärzt:innen durchgeführt wird – ist noch nicht optimal. Es sollten regelmässige Untersuchungen systematisiert werden, um Probleme zu erkennen, bevor es zu spät ist. Bei Diabetespatient:innen ist es neben regelmässigen Kontrollen wie Fuss- oder Augenuntersuchungen entscheidend, den kardiovaskulären und metabolischen Zustand proaktiv zu beurteilen.
Sind bereits Komplikationen vorhanden, geht man zu einer intensiven Sekundärprävention über, bei der alle Anstrengungen auf die Stabilisierung und Risikominderung ausgerichtet sind. Häufigere Vorsorgeuntersuchungen und eine stärkere Sensibilisierung der Hausärzt:innen könnten hier wirklich etwas bewegen.
Wie wird sich die Behandlung von Diabetes mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den kommenden Jahren entwickeln?
Die digitale Gesundheit wird dank vernetzter Tools, mit denen Blutzucker, Blutdruck und andere wichtige Parameter in Echtzeit überwacht werden können, eine immer grössere Rolle spielen und so eine proaktivere Diabetesbehandlung ermöglichen. Ich bin optimistisch, denn diese Innovationen werden die Behandlung verändern und sie individueller und effektiver machen.
![]()

