
FMH, FEBO, Facharzt für Ophthalmologie, Ophthalmochirurgie, Laserchirurgie
Sehen wir gut, schenken wir unseren Augen oft wenig Aufmerksamkeit. Dabei können sich Erkrankungen lange entwickeln, ohne dass Betroffene etwas davon bemerken. Eine Untersuchung kann deshalb mehr zeigen als die Frage, ob eine neue Brille nötig ist: Moderne Methoden ermöglichen es, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und teilweise sogar Hinweise auf andere gesundheitliche Probleme zu geben. Dr. med. Otto G. Maubach, FMH, FEBO, Facharzt für Ophthalmologie, Laserchirurgie, tätig an der Swiss Visio Siloah Augenklinik, Gümligen BE, erklärt, weshalb Kontrollen in jedem Alter sinnvoll sind, welche Warnzeichen sofort abgeklärt werden sollten und was wir selbst für unsere Augengesundheit tun können. | Paula-Sophia Wollenmann
Warum sind regelmässige Augenuntersuchungen beim Augenarzt wichtig – auch wenn keine Beschwerden bestehen?
Wir haben heute die Möglichkeit, Patient:innen schmerzfrei und unkompliziert mit modernen Untersuchungsmöglichkeiten zu untersuchen. Ich empfehle somit allen Menschen regelmässige Augenuntersuchungen. Denn ob eine Erkrankung Beschwerden verursacht oder nicht, lässt sich nicht immer sagen. Gerade Kinder klagen beispielsweise nicht unbedingt darüber, dass sie schlecht sehen. Sie können mit einem Auge sehen, auch wenn sie schielen, oder sich an eine eingeschränkte Sehfähigkeit gewöhnen. Selbst bei ernsthaften Erkrankungen müssen nicht zwingend sofort Beschwerden auftreten.
Auch bei Erwachsenen können Veränderungen lange unbemerkt bleiben. Rund zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung tragen eine Brille oder Kontaktlinsen. Menschen mit einer Fehlsichtigkeit, insbesondere bei stärkerer Kurzsichtigkeit, haben ein höheres Risiko, an einer Augenerkrankung zu leiden. Deshalb ist auch bei ihnen eine augenärztliche Abklärung sinnvoll.
Viele Menschen gehen dabei bei einer Sehschwäche zunächst zum Optiker oder zur Optikerin. Ich rate jedoch dazu, zuerst einen Augenarzt, eine Augenärztin aufzusuchen. Optiker:innen können zwar eine Sehschwäche feststellen und beispielsweise einen grauen Star erkennen, aber keine medizinischen Diagnosen stellen. Auch Erkrankungen der Hornhaut oder Auswirkungen von Medikamenten auf das Auge können diese nicht umfassend beurteilen.
Welche Augenerkrankungen können durch ein frühzeitiges Screening erkannt oder verhindert werden?
Durch eine Untersuchung können verschiedene Augenerkrankungen erkannt werden, beispielsweise grauer und grüner Star. Beim grauen Star handelt es sich um eine Trübung der Linse. Der grüne Star ist dagegen eine schleichende Erkrankung. Entgegen der verbreiteten Vorstellung muss er nicht zwingend mit einem erhöhten Augendruck zusammenhängen. Es können auch entzündungsbedingte oder andere Ursachen eine Rolle spielen. Gerade beim grünen Star zeigt sich, weshalb eine langfristige augenärztliche Kontrolle wichtig ist: denn der Augendruck schwankt. Ein einzelner unauffälliger Wert bedeutet deshalb nicht automatisch, dass kein grüner Star vorliegt. Durch eine Verlaufsdiagnostik über Jahre können wir Augenärzt:innen feststellen, ob ein:e Patient:in zu den gefährdeten Personen gehört.
Auch Hornhauterkrankungen lassen sich bei einer Untersuchung erkennen. Sie sind relativ häufig und treten unter anderem bei Kontaktlinsenträger:innen auf. Kontaktlinsen können Infektionen oder eine chronische Reizung der Augenoberfläche begünstigen. Die Hornhaut kann dadurch belastet werden, was beispielsweise zu trockenen Augen führen kann.
Das Screening kann aber noch mehr leisten. Es gibt Erkrankungen, die eigentlich gar nicht am Auge beginnen und trotzdem dort sichtbar werden können. Dazu gehören bestimmte schwere Gefässerkrankungen. Bei älteren Menschen können beispielsweise einseitige Kopfschmerzen, eine Verschlechterung des Sehens und Kaubeschwerden auf eine gefährliche Gefässentzündung hinweisen. Diese Beschwerden werden teilweise als Alterserscheinungen abgetan, können aber auf eine lebensgefährliche Erkrankung hindeuten.
Gibt es bestimmte Altersgruppen oder Risikopatient:innen, die besonders von regelmässigen Kontrollen profitieren?
Grundsätzlich lohnt sich eine Augenuntersuchung in jedem Alter. Es gibt aber bestimmte Risikogruppen, bei denen regelmässige Kontrollen besonders wichtig sind. Dazu gehören Menschen mit Diabetes oder Gefässerkrankungen sowie Personen, die einen Schlaganfall hatten. Auch chronische Allergiker:innen sowie Menschen mit Psoriasis oder Neurodermitis können von einer entsprechenden Betreuung profitieren. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor sind regelmässig eingenommene Medikamente.
Medikamente, die beispielsweise nach einer Brustkrebserkrankung und Brustoperation eingenommen werden, können Schäden am Auge verursachen. Vielen Betroffenen ist diese mögliche Nebenwirkung nicht bekannt. Sie findet sich teilweise nur in der Packungsbeilage.
Welche Warnzeichen sollten Patient:innen ernst nehmen und möglichst rasch augenärztlich abklären lassen?
Besonders aufmerksam sollten Menschen mit Kurzsichtigkeit sein. Bei ihnen kann ein Loch in der Netzhaut entstehen, ohne dass sie es zunächst bemerken. Treten plötzlich bewegliche Punkte oder Fäden, ein sogenanntes «mouches volantes», ein «Russregen» oder im schlimmsten Fall eine dunkle Wand im Gesichtsfeld auf, sollte man sofort zum Augenarzt oder zur Augenärztin. Diese Symptome können auf Veränderungen im Bereich des Glaskörpers oder der Netzhaut hinweisen. Eine hintere Glaskörperablösung kommt sehr häufig vor. Entscheidend ist, dass dabei ein mögliches Netzhautloch ausgeschlossen wird.
Wird ein solches Loch rechtzeitig erkannt, kann man es mit einem Laser behandeln. Das ist vergleichsweise einfach. Wartet man hingegen zu lange, kann sich die Netzhaut ablösen. Eine Netzhautablösung ist zwar deutlich seltener, stellt aber eine ernsthafte Situation dar. Deshalb gilt: Plötzlich auftretende Veränderungen des Sehens sollte man nicht einfach beobachten und hoffen, dass sie wieder verschwinden. Eine rasche augenärztliche Abklärung kann entscheidend sein.
Welche Rolle spielen Prävention und ein gesunder Lebensstil für die langfristige Augengesundheit?
Prävention kann man eigentlich erst dann sinnvoll betreiben, wenn man einmal beim Augenarzt oder der Augenärztin war und eine Bestandsaufnahme gemacht hat. Man muss zunächst wissen, wie es um die Augen steht. Des Weiteren ist natürlich ein gesunder Lebensstil wichtig. Dazu gehören eine gesunde Ernährung und die Vermeidung von Tabak und Alkohol. Auch Bewegung kann einen positiven Effekt auf die Augen haben.
Welche Botschaft möchten Sie den Leser:innen mitgeben, damit sie ihre Augengesundheit langfristig erhalten können?
Zeit ist der wichtigste Faktor. Frühzeitiges Abklären ist sehr wichtig. Wir können mit der heutigen Technologie Dinge erkennen, die vor zehn Jahren noch undenkbar schienen. Mit moderner OCT-Technologie können wir heute Veränderungen der Nervenfaserschicht messen, die mit neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Parkinson oder Alzheimer einhergehen — das Auge wird damit zunehmend zu einem Fenster ins Gehirn. Ausserdem spielt künstliche Intelligenz zunehmend eine Rolle; demnächst können wir die einzelnen Zellen bei der Arbeit in der Netzhaut und an der Hornhaut beobachten – das ist völlig neu und sensationell. Deshalb meine wichtigste Botschaft: Lieber zu früh zum Augenarzt, zur Augenärztin als zu spät.
Swiss Visio Siloah – Teil des Bärn-Netz
Die Swiss Visio Siloah ist Teil des Bärn-Netz, dem integrierten Versorgungsnetzwerk der Swiss Medical Network Region Bern. Patient:innen profitieren so von einer noch engeren Zusammenarbeit zwischen Grundversorgung und spezialisierter Augenheilkunde – für kurze Wege und koordinierte Behandlungspfade.

![]()
