Wenn Kontaktlinsen zum Risiko werden

Dr. med. Frank Blaser
Leitender Oberarzt und stellvertretender 
Klinikdirektor 

Viele Augenprobleme bemerkt man sofort, weil sie Schmerzen, Rötungen oder verschwommenes Sehen verursachen. Es gibt aber Infektionen, die vielen unbekannt sind und bei verspäteter Diagnose schwerwiegende Folgen haben können. Eine davon ist die Akanthamöben-Keratitis, eine seltene, aber ernsthafte Augeninfektion, die vor allem Kontaktlinsenträger:innen betrifft. Wir haben mit Dr. med. Frank Blaser, leitender Oberarzt und stellvertretender Klinikdirektor der Augenklinik am Universitatsspital Zürich gesprochen, um mehr über Symptome, Risiken und Prävention zu erfahren. | Noémie Aeschlimann

Warum ist diese Infektion vielen Menschen kaum bekannt?

Das kommt daher, dass die Erkrankung sehr selten ist. Studien zeigen, dass in Industrieländern nur etwa zwei Fälle pro Million Einwohner:innen pro Jahr auftreten. In der Schweiz mit rund neun Millionen Einwohner:innen sind das weniger als zwanzig Fälle jährlich.

Welche Symptome sollten besonders rasch alarmieren?

Fremdkörpergefühl, Schmerzen, Sehkraftminderung und Lichtscheu. Diese Symptome sind aber nicht spezifisch, da viele Augeninfektionen ähnliche Anzeichen zeigen. Vor allem bei Kontaktlinsenträger:innen ist ein einseitig gerötetes Auge ein wichtiger Hinweis, oft begleitet von Irritationen oder trübem Sehen. Halten die Beschwerden trotz Entfernung der Kontaktlinsen an, sollte sofort ein:e Augenärzt:in aufgesucht werden. Die Kontaktlinsen selbst sollten im Behälter bleiben, damit sie für die Diagnose untersucht werden können.

Weshalb sind Kontaktlinsenträger:innen stärker betroffen?

Akanthamöben kommen überall vor, insbesondere im Wasser. Normalerweise schützt der Tränenfilm das Auge und verhindert ein Eindringen der Erreger. Besteht jedoch eine Eintrittspforte, etwa durch kleine Verletzungen oder die Kontaktlinse selbst, kann eine Infektion entstehen. Kontaktlinsen sind porös, sodass Wasser eindringen und die Akanthamöben am Material haften können. Werden die Linsen über mehrere Stunden getragen, entsteht eine lange Exposition. Die Kombination aus langer Tragedauer, porösem Material und der Haftfähigkeit der Akanthamöben erhöht das Infektionsrisiko deutlich.

Warum ist der Schmerz ein besonders wichtiger Warnhinweis?

Infektionen am Auge sollten stets ärztlich abgeklärt werden. Die Akanthamöben-Keratitis verursacht nicht immer sofort starke Schmerzen, kann aber später sehr starke Beschwerden auslösen, sobald die Hornhautnerven betroffen sind. Schmerzen am Auge sind ein Alarmsymptom und sollten insbesondere bei Kontaktlinsenträger:innen sehr ernst genommen werden.

Weshalb spielt die frühe Diagnosestellung eine zentrale Rolle?

Eine frühe Diagnostik ermöglicht eine schnellere Behandlung und begrenzt das Ausmass der Infektion. Kleine Infektionen lassen sich leichter therapieren und hinterlassen weniger Narben der Hornhaut. Wird die Behandlung verspätet begonnen, kann die Infektion tief ins Gewebe eindringen, Zysten bilden und deutlich schwieriger zu behandeln sein. In fortgeschrittenen Fällen kann eine Hornhauttransplantation notwendig werden, im schlimmsten Fall droht sogar der Verlust des Auges.

Welche möglichen Langzeitfolgen können bei unzureichender Behandlung auftreten?

Langzeitfolgen gehen immer mit Narbenbildung einher. Je stärker die Infektion, desto stärker ist die Einschränkung der Sehkraft. Die Narben können Kontrastsehen, Sehschärfe und Lichtempfindlichkeit beeinträchtigen. Lassen sich die Infektionen nicht ausreichend behandeln, ist eine Hornhauttransplantation notwendig. Das Transplantat verändert die Hornhautform und für die visuelle Rehabilitation werden oft stabile Kontaktlinsen benötigt.

Welche Präventionstipps geben Sie Ihren Patient:innen?

Prävention betrifft vor allem das richtige Kontaktlinsenhandling: die Tragedauer begrenzen, Linsen nicht über Nacht tragen, Reinigungssysteme korrekt anwenden und die Hände vor dem Einsetzen sauber und trocken halten. Kontaktlinsen dürfen nicht mit Wasser in Berührung kommen, also weder beim Duschen, Schwimmen noch in der Sauna. Auch das Befeuchten mit Speichel ist tabu. Kurz gesagt: Kontaktlinse plus Wasser ist ein No-Go.

Welche Kernbotschaft möchten Sie unseren Leser:innen mitgeben?

Ein rotes oder schmerzhaftes Auge sowie eine akute Sehminderung sollten immer umgehend von einem Augenarzt oder einer Augenärztin überprüft werden, besonders bei Kontaktlinsenträger:innen. Sollte nach Entfernung der Linsen weiterhin Beschwerden bestehen muss sofort ein Augennotfall aufgesucht werden. Hygiene ist entscheidend: Kontaktlinsensysteme müssen korrekt angewendet werden und Wasserexposition ist zu vermeiden. 

Dieser Artikel wurde mit freundlicher unterstützung von Avanzanite Bioscience B.V. erstellt / Die Unabhängigkeit der Expertenmeinung wurde vollständig respektiert


 

Akanthamöben-Keratitis

Die Akanthamöben-Keratitis ist eine seltene, aber schwerwiegende Infektion der Hornhaut. Sie wird durch eine freilebende Amöbe (Acanthamoeba) verursacht, die im Wasser, in der Erde oder im Staub vorkommt. Betroffen sind  vor allem Kontaktlinsenträger:innen.

Typische Symptome

Anhaltende Rötung/
Lichtempfindlichkeit

Starke Augenschmerzen
Verschwommenes Sehen

Fremdkörpergefühl

Gute Praktiken zur Vorbeugun

  • Vor dem Hantieren mit den Linsen immer die Hände waschen
  • Kontaktlinsen niemals mit Leitungswasser abspülen
  • Kontaktlinsen nicht unter der Dusche oder im Schwimmbad tragen
  • Pflegehinweise der Reinigungslösungen befolgen
  • Aufbewahrungsbehälter regelmässig wechseln
  • Kein Schlafen mit Linsen
Dieses Bild zeigt eine fortgeschrittene Akanthamöben-Keratitis mit 
ringförmigem Hornhautinfiltrat.
Ohne frühzeitige Behandlung drohen 
schwere Sehbeeinträchtigungen. 
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Abonnieren Sie die Printversion von Gesundheitsecho, um Zugriff auf alle Informationen zum Thema zu haben: Erfahrungsberichte, Tests, nützliche Adressen, Infografiken und mehr.
Also warten Sie nicht länger!
CHF39.00
Oder abonnieren Sie direkt 8 Ausgaben!
CHF78.00

Loading

Teilen auf

Facebook

Weitere Artikel

Lungen, erzählen sie uns alles!

Die Lungen sind nicht nur einfache Atmungsorgane, sondern wahre Wunderwerke: Sie schwimmen, reinigen sich selbst und passen sich extremen Bedingungen an. Grund genug, sie gut zu pflegen! Und vor allem versorgen sie uns mit Sauerstoff. Sie sind das einzige Organ, das im Wasser schwimmt, da sie immer kleine Mengen Luft in ihren Alveolen enthalten – sogar nach dem Tod.

Loading

Mehr lesen »

Heuschnupfen: Wenn Pollen unseren Alltag beeinträchtigen

Heuschnupfen, auch saisonale allergische Rhinokonjunktivitis genannt, ist eine Erkrankung, von der ein erheblicher Teil der Schweizer Bevölkerung betroffen ist. Laut vorliegenden Daten leiden etwa 20% der Schweizer:innen an einer Pollenallergie1. Diese hohe Prävalenz unterstreicht, wie wichtig es ist, die Symptomatik, die Profile der am stärksten betroffenen Patient:innen, die vorbeugenden Massnahmen sowie die möglichen Komplikationen, die mit dieser Allergie verbunden sind, zu verstehen. Um diese Aspekte zu beleuchten, haben wir Dr. med. Lionel Arlettaz, Leitender Arzt der Abteilung Immuno-Allergologie am Zentralinstitut der Spitäler in Sitten, befragt.

Loading

Mehr lesen »

Romain, der ewige Mückenmagnet

Romain, 28 Jahre alt, liebt sein kleines Haus in der Nähe eines Flusses, umgeben von Natur. Morgens weckt ihn das Plätschern des Wassers, abends geniesst er den Sonnenuntergang auf seiner Terrasse. Alles könnte so idyllisch sein, doch diese mühsamen Mücken machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Warum immer er von den Mücken gestochen wird, kann er sich nicht erklären. Aber irgendwie scheint er der Hauptgang ihres Buffets zu sein. Wenn er mit seinen Freund:innen draussen abhängt, kann er wetten, dass er am Ende mindestens zehn Mal mehr Stiche hat als alle anderen zusammen.

Loading

Mehr lesen »

Wenn der Sommer summt

Mit Frühling und Sommer kommen die warmen Tage, die langen Abende und die perfekte Zeit für Outdoor-Abenteuer. Egal ob Grillpartys mit Freund:innen, entspannte Spaziergänge in der Natur oder ausgedehnte Wanderungen. Jetzt heisst es, die Sonne und die frische Luft in vollen Zügen zu geniessen. Der Sommer bietet all die angenehmen Dinge, auf die wir uns das ganze Jahr über freuen: Sonnenschein, entspannte Stunden im Freien und das Gefühl, den Alltag hinter sich zu lassen. Wäre da nicht eine kleine, summende Schattenseite: Mücken. 

Loading

Mehr lesen »

Wenn ein Glukosesensor Noisette zu Hilfe kommt

Jacqueline, 42 Jahre alt, hat sich schon immer als bedingungslose Tierliebhaberin betrachtet. Anfang Januar bemerkt sie, dass Noisette, einer ihrer mittlerweile 13½-jährigen Kater, ein ungewöhnliches Verhalten zeigt: Er trinkt immer mehr Wasser, scheint es unablässig zu fordern und wirkt beinahe besessen davon, stets Zugang zu Wasser zu haben. Beunruhigt über diesen ungewöhnlichen Durst vereinbart sie einen Termin beim Tierarzt, um Klarheit zu schaffen.

Loading

Mehr lesen »

Der Schlüssel zu einem gut verwalteten Diabetes

Diabetes betrifft Millionen von Menschen auf der ganzen Welt und die Behandlung dieser Krankheit hängt von einem feinen Gleichgewicht zwischen medizinischer Betreuung, Technologie und Patientenengagement ab. In Lausanne setzt Dr. med. Daniela Sofra, eine engagierte Endokrinologin und Diabetologin, auf Teamarbeit. In diesem Interview beleuchtet sie die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit mit Hausärzt:innen und die bahnbrechende Rolle, die CGM-Sensoren (Continuous Glucose Monitoring) im Leben der Patient:innen spielen.

Loading

Mehr lesen »