Wenn der Kinderwunsch auf sich warten lässt

Prof. Dr. med. Michael Von Wolff 
Chefarzt für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin

Der unerfüllte Kinderwunsch betrifft viele Paare und wirft oft Fragen, Unsicherheiten und Druck auf. Prof. Dr. med. Michael von Wolff, Chefarzt für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am Universitätsspital Bern, erklärt, welche Faktoren die Fruchtbarkeit entscheidend beeinflussen und warum das Alter so eine grosse Rolle spielt. Er gibt Einblicke in moderne Diagnostik und Therapien und berichtet, wie sich seine Arbeit in den letzten Jahren verändert hat. | Noémie Aeschlimann

Welche vorbeugenden Massnahmen empfehlen Sie unseren Leser:innen, um die Fruchtbarkeit bestmöglich zu erhalten?

Die wichtigste vorbeugende Massnahme ist, nicht zu lange zu warten und bereits in jungen Jahren schwanger zu werden. Das Alter ist der relevanteste Faktor für die Fruchtbarkeit. In der Regel hat die Frau bis etwa 37 Jahre gut Zeit, danach nimmt die Fruchtbarkeit deutlich ab. Ansonsten lässt sich die Fruchtbarkeit nur wenig beeinflussen. Ein gesunder Lebensstil ist sinnvoll, also nicht rauchen, Sport treiben, kein Übergewicht und Alkohol nur in Massen konsumieren. Studien deuten zudem darauf hin, dass eine mediterrane Ernährung die Fruchtbarkeit leicht unterstützen kann, wobei ihr Einfluss insgesamt begrenzt ist.

Wie gestaltet sich die medizinische Betreuung bei Fertilitätsstörungen, sowohl bei Männern als auch bei Frauen?

Wenn ein Paar seit ungefähr einem Jahr erfolglos versucht schwanger zu werden, spricht man von Infertilität. Dann erfolgt die Abklärung durch die Gynäkologin oder direkt im Kinderwunschzentrum. Bei Frauen werden Blutwerte wie Schilddrüsenwerte oder Prolaktin überprüft, die Eierstockreserve ermittelt und ein Ultraschall durchgeführt, um Myome oder andere Auffälligkeiten auszuschliessen. Ausserdem wird die Durchgängigkeit der Eileiter geprüft. Beim Mann stehen die Anamnese und ein Spermiogramm im Vordergrund und ob Geschlechtsverkehr zeitlich und organisch möglich ist. In etwa einem Drittel der Fälle liegt das Problem bei der Frau, in einem Drittel beim Mann, im letzten Drittel bei beiden. Bei einigen Paaren lässt sich keine klare Ursache feststellen. 

Die Behandlung beginnt je nach Ursache mit einer Basistherapie, also zum Beispiel eine hormonelle Unterstützung bei unregelmässigem Zyklus oder eine intrauterine Insemination bei leicht eingeschränktem Spermiogramm. Erst danach, oder bei Schädigungen der Eileiter und einem stark eingeschränkten Spermiogramm, wird an die künstliche Befruchtung gedacht. Ziel ist, dass Paare möglichst auf natürlichem Wege schwanger werden und die Therapie stufenweise gesteigert wird.

Wie hat sich Ihre Praxis in den letzten zwanzig Jahren entwickelt?

Die Reproduktionsmedizin hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Neue Möglichkeiten wie Social Freezing, also das Einfrieren von Eizellen aus persönlichen Gründen und Medical Freezing vor Krebstherapien haben Einzug gehalten. Hinzu kommen genetische Untersuchungen der Embryonen, das sogenannte Pre-Implantation Genetic Testing, auch PID genannt, und zunehmend schonendere Behandlungen ohne starke Stimulation. Diese Fortschritte eröffnen Paaren mit Kinderwunsch neue Optionen und haben das Therapiespektrum deutlich erweitert.

Inwiefern beeinflusst die zunehmende Verschiebung des Elternalters Ihre tägliche Arbeit?

Das steigende Alter der Patientinnen wirkt sich direkt auf die Behandlung aus, da die Eierstockreserve abnimmt und die Zeit bis zur Schwangerschaft durch das zunehmende Alter begrenzt ist. Die Therapie muss entsprechend schneller vorangetrieben werden. Auch sehen viele Frauen das Social Freezing als mögliche präventive Option an.

Können Sie von einem Fall berichten, der Sie in Ihrer Laufbahn besonders geprägt hat?

Besonders prägend sind für mich nicht einzelne Fälle, sondern gesamthaft die Freude, wenn Paare nach einer erfolgreichen Behandlung ein zweites Kind wünschen. Es ist berührend zu sehen, wie die Familien wachsen. Besonders schön ist es, wenn die Eltern ihr erstes Kind mitbringen und man gemeinsam den zweiten, bei der ersten Kinderwunschtherapie eingefrorenen Embryo auf dem Bildschirm sieht, der eigentlich genauso alt ist wie das erste Kind. 

Die Begleitung dieser Paare über die Jahre und ihr Vertrauen ist das, was mir persönlich am meisten Freude bereitet. Abschliessend möchte ich allen Paaren ans Herz legen: Wenn möglich, beginnen Sie rechtzeitig mit der Realisierung ihres Kinderwunsches, denn so erhöhen Sie Ihre Chancen auf eine entspannte und glückliche Familienplanung. 

 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Abonnieren Sie die Printversion von Gesundheitsecho, um Zugriff auf alle Informationen zum Thema zu haben: Erfahrungsberichte, Tests, nützliche Adressen, Infografiken und mehr.
Also warten Sie nicht länger!
CHF39.00
Oder abonnieren Sie direkt 8 Ausgaben!
CHF78.00

Loading

Teilen auf

Facebook

Weitere Artikel

Zittern: über Parkinson hinaus

Zittern, das durch unwillkürliche rhythmische Bewegungen eines oder mehrerer Körperteile gekennzeichnet ist, wird normalerweise mit der Parkinson-Krankheit in Verbindung gebracht. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass die Parkinson-Krankheit nicht die einzige Ursache für Zittern ist. Viele Gesundheitszustände können diese unwillkürlichen Bewegungen auslösen.

Loading

Mehr lesen »

Wenn das Tempo nicht mehr passt

Julie Cartwright, 43, war schon immer ein Mensch voller Energie. Zehn Jahre lang trainierte sie Kampfsport,
später spezialisierte sie sich auf Luftakrobatik. Daneben absolvierte sie ihr Masterstudium, arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin und gründete mit einer befreundeten Person ein eigenes Luftakrobatik-Studio. Alles war in Bewegung, sie funktionierte perfekt im Hochleistungsmodus: körperlich, beruflich und mental.

Loading

Mehr lesen »

Familienerbe Migräne

Juliette, 52, hat ein bewegtes Leben. Als Französischlehrerin an einem Gymnasium, Mutter von zwei Teenagerinnen und Besitzerin von zwei kleinen Hunden, die jeden Tag ausgeführt werden wollen, verkörpert sie überströmende Energie und eine tiefe Liebe zu ihren Mitmenschen. Doch im Schatten ihres aktiven Lebens lastet eine unsichtbare, allgegenwärtige Bürde auf ihren Schultern: die Migräne.

Loading

Mehr lesen »

Wenn der Bauch den Kopf mitbestimmt: Migräne und Darm

Migräne ist weit mehr als ein reiner Kopfschmerz – sie betrifft oft den ganzen Körper. Besonders der Magen-Darm-Trakt scheint bei vielen Betroffenen eine wichtige Rolle zu spielen. Übelkeit, Erbrechen oder Bauchschmerzen sind bekannte Begleiter. Neue Erkenntnisse zeigen: Der Darm könnte mehr Einfluss auf Migräne haben, als bisher gedacht. Was das bedeutet und wie man diesen Zusammenhang positiv nutzen kann, lesen Sie in diesem Artikel.

Loading

Mehr lesen »

CGM und ärztliche Betreuung: die Schlüssel zu mehr Lebensqualität mit Diabetes

Typ-2-Diabetes ist eine chronische Erkrankung, von der Millionen Menschen betroffen sind. Doch jeder Verlauf ist einzigartig. Die 60-jährige Kauffrau Christine C. erzählt von ihren Erfahrungen seit der Diagnose vor 20 Jahren. Dabei berichtet sie von alltäglichen Herausforderungen, der Entwicklung neuer Technologien wie des Sensors zur kontinuierlichen Glukosemessung (Continuous Glucose Monitoring, CGM) und entsprechender ärztlicher Betreuung. Sie erzählt aber auch, wie sie gelernt hat, mit ihrer Diabeteserkrankung umzugehen und gleichzeitig ihre Lebensqualität zu bewahren.

Loading

Mehr lesen »