Sichelzellkrankeit, ein stiller Notfall: warum frühzeitig testen und schnell behandeln?

Dr. med. Mathilde Gavillet
Fachärztin für Hämatologie in der Onkologieabteilung am Universitätsspital Lausanne (CHUV)

Die Sichelzellkrankheit ist eine der weltweit und auch in Europa am weitesten verbreiteten genetischen Erkrankungen.1 Sie wird rezessiv vererbt und kann bei jedem vierten Kind auftreten, wenn beide Elternteile asymptomatische Träger:innen des defekten Gens sind. In diesem Interview gibt uns Dr. med. Mathilde Gavillet, Fachärztin für Hämatologie in der Onkologieabteilung am Universitätsspital Lausanne (CHUV), Einblicke in diese Krankheit und ihre Herausforderungen. Sie betont die Bedeutung einer Neugeborenen-Untersuchung bei Risikopaaren, die eine frühzeitige Behandlung ermöglicht. So können schwerwiegende und irreversible Komplikationen wie Schäden an lebenswichtigen Organen verhindert werden. Erfahren Sie in diesem Interview, warum Aufklärung und frühzeitiges Handeln Leben verändern. | Adeline Beijns

Dr. med. Gavillet, was ist die Sichelzellkrankeit?

Die Sichelzellkrankeit ist eine genetische Erkrankung, die durch eine Punktmutation eines Codons in einem der Gene des Hämoglobins verursacht wird, also dem Protein der roten Blutkörperchen, das Sauerstoff transportiert. Diese Mutation führt zu einer Polymerisation des Hämoglobins, wodurch die roten Blutkörperchen deformiert werden und eine Sichelform annehmen. Dies hat zwei Hauptfolgen: die beschleunigte Zerstörung der roten Blutkörperchen (hämolytische Anämie) und die Behinderung der Mikrozirkulation, was zu starken Schmerzen führt. In der Schweiz fehlen uns zuverlässige Statistiken, aber in Frankreich, wo seit 2024 ein systematisches nationales Screening durchgeführt wird, ist eines von 1’500 Neugeborenen betroffen. Wenn man die 3’000 Geburten pro Jahr in der Entbindungsklinik des CHUV berücksichtigt, stellt dies lokal eine grosse Herausforderung dar.

Es handelt sich um die weltweit häufigste genetische Erkrankung, die jedoch nach wie vor wenig bekannt ist. Wie erklären Sie sich das?

Die Sichelzellkrankeit betrifft verschiedene Bevölkerungsgruppen in unterschiedlichem Masse, vor allem Menschen afrikanischer Abstammung aus Subsahara-Afrika, aber auch aus anderen Regionen wie Indien oder dem Nahen Osten. In Europa wurde sie historisch als «Krankheit aus fernen Ländern» wahrgenommen und viel zu lange vernachlässigt. Heute, aufgrund verschiedener Migrationsbewegungen und einer besseren Erkennung, wird sie endlich als Problem der öffentlichen Gesundheit in ganz Europa, einschliesslich der Schweiz, anerkannt.

Warum ist eine Neugeborenen-Untersuchung bei Risikopaaren unerlässlich, auch wenn die Eltern symptomfrei sind?

Die Sichelzellkrankeit wird rezessiv vererbt: Zwei Elternteile, die Träger des Gens sind (Heterozygoten), können symptomfrei sein und ihren Status überhaupt nicht kennen. Dennoch besteht bei jeder Schwangerschaft ein Risiko von 25%, dass das Kind an einer schweren Form (Homozygot) leidet, und ein Risiko von 50%, dass es ein gesunder Träger ist. Es ist von entscheidender Bedeutung, gefährdete Paare, insbesondere aus Bevölkerungsgruppen mit höherer Prävalenz, zu sensibilisieren. Durch Neugeborenenscreenings kann die Krankheit bereits bei der Geburt erkannt und sofort behandelt werden. Ohne Neugeborenenscreenings kann die Diagnose erst nach einigen Monaten bis zu mehreren Jahren gestellt werden.

Welche Risiken birgt eine späte Diagnose bei Säuglingen mit Sichelzellkrankeit? Inwiefern kann ein später Behandlungsbeginn zu schweren und irreversiblen Schäden führen?

Die Krankheit manifestiert sich bereits in den ersten Lebensmonaten durch schmerzhafte Anfälle, schwere Blutarmut und eine erhöhte Anfälligkeit für bakterielle Infektionen. Das Auftreten von Fieber kann auf eine schwere Infektion hindeuten und muss ernst genommen werden.

In Ländern mit geringen Ressourcen beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung nicht mehr als 5 bis 10 Jahre, hauptsächlich aufgrund von infektiösen Komplikationen. Eine späte Diagnose verzögert die Überweisung an ein multidisziplinäres Team (Hämatolog:innen, Psycholog:innen, Heilpädagog:innen) und verhindert damit wichtige Massnahmen: umfassende Impfungen, prophylaktische Antibiotika ab 6–8 Wochen, Folsäurezusatz und Behandlung zur Vorbeugung von Anfällen ab 9–12 Monaten. Ohne diese Massnahmen befällt die Krankheit alle Organe, insbesondere Herz, Gehirn, Augen, Knochen usw., und führt zu Wachstums- oder Entwicklungsverzögerungen und vorzeitiger Alterung. Eine Studie an Jugendlichen mit Sichelzellkrankeit ergab, dass bei der Hälfte von ihnen bereits im MRT sichtbare Hirnschäden vorlagen, die sich auf ihren schulischen und beruflichen Werdegang auswirken können. Selbst mit einer Behandlung ist die Lebenserwartung um fast 20 Jahre reduziert. Dies macht deutlich, warum eine frühzeitige Behandlung entscheidend ist, um bleibende Schäden zu minimieren und die Lebensqualität zu verbessern.

Gibt es bereits positive Beispiele dafür, dass das Neugeborenen-Screening bei Risikopatient:innen (asymptomatisch) einen frühzeitigen Behandlungsbeginn ermöglicht hat? Welche konkreten Vorteile hat die Behandlung in den ersten Lebensmonaten?

Auf jeden Fall. Einige nahegelegene Länder (Frankreich, Italien, Vereinigtes Königreich) praktizieren seit langem ein systematisches oder gezieltes Neugeborenen-Screening. Die Ergebnisse sind konkret: Beseitigung von Diagnoseverzögerungen und Beginn einer angemessenen Behandlung, Verbesserung der Lebensqualität, soziale und schulische Integration und fast vollständige Beseitigung der mit der Krankheit verbundenen Säuglingssterblichkeit. Eine frühzeitige Behandlung in den ersten Lebensmonaten beugt Komplikationen vor, stärkt das Immunsystem und ermöglicht es den Kindern, ohne grössere Folgeschäden aufzuwachsen. All dies macht den Verlauf einer potenziell verheerenden Erkrankung beherrschbar.

Wie können Ängste und Vorurteile abgebaut werden, die manche Eltern und medizinisches Fachpersonal noch immer davon abhalten, Vorsorgeuntersuchungen durchzuführen?

Das ist eine zentrale Herausforderung. Eltern fürchten oft die Diagnose, weil sie konkrete Angst vor der Krankheit und ihren Folgen für das Leben ihres Kindes haben. Manchmal befürchten sie auch eine gewisse Stigmatisierung für sich selbst oder ihre Kinder. Diese Faktoren können sie davon abhalten, Vorsorgeuntersuchungen durchzuführen oder sogar Kinder zu bekommen. Um dem entgegenzuwirken, haben wir uns entschlossen, ein Screening-Programm in Zusammenarbeit mit Patient:innen und Familien zu entwickeln. Auch medizinisches Fachpersonal (insbesondere Gynäkolog:innen, Hebammen und Neonatolog:innen) muss geschult werden, um die nachgewiesenen Vorteile einer frühzeitigen Diagnose hervorzuheben.

Ein letztes Wort?

Ich möchte mit einer positiven Bemerkung schliessen: Wir leben in einer spannenden Zeit mit vielversprechenden therapeutischen Fortschritten. Es ist unerlässlich, eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sicherzustellen, um Folgeschäden zu minimieren und eine gute Lebensqualität zu sichern. 

Referenz: 1. World Health Organization, Sickle-cell disease, https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/sickle-cell-disease?utm_source, Abgerufen im März 2026
*Bildnachweis: www.ksbphotography.com
In Kooperation mit Vertex Pharmaceuticals (CH) GmbH / Die Unabhängigkeit der Meinung der Expertin wurde vollständig respektiert
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Abonnieren Sie die Printversion von Gesundheitsecho, um Zugriff auf alle Informationen zum Thema zu haben: Erfahrungsberichte, Tests, nützliche Adressen, Infografiken und mehr.
Also warten Sie nicht länger!
CHF39.00
Oder abonnieren Sie direkt 8 Ausgaben!
CHF78.00

Loading

Teilen auf

Facebook

Weitere Artikel

Lungen, erzählen sie uns alles!

Die Lungen sind nicht nur einfache Atmungsorgane, sondern wahre Wunderwerke: Sie schwimmen, reinigen sich selbst und passen sich extremen Bedingungen an. Grund genug, sie gut zu pflegen! Und vor allem versorgen sie uns mit Sauerstoff. Sie sind das einzige Organ, das im Wasser schwimmt, da sie immer kleine Mengen Luft in ihren Alveolen enthalten – sogar nach dem Tod.

Loading

Mehr lesen »

Heuschnupfen: Wenn Pollen unseren Alltag beeinträchtigen

Heuschnupfen, auch saisonale allergische Rhinokonjunktivitis genannt, ist eine Erkrankung, von der ein erheblicher Teil der Schweizer Bevölkerung betroffen ist. Laut vorliegenden Daten leiden etwa 20% der Schweizer:innen an einer Pollenallergie1. Diese hohe Prävalenz unterstreicht, wie wichtig es ist, die Symptomatik, die Profile der am stärksten betroffenen Patient:innen, die vorbeugenden Massnahmen sowie die möglichen Komplikationen, die mit dieser Allergie verbunden sind, zu verstehen. Um diese Aspekte zu beleuchten, haben wir Dr. med. Lionel Arlettaz, Leitender Arzt der Abteilung Immuno-Allergologie am Zentralinstitut der Spitäler in Sitten, befragt.

Loading

Mehr lesen »

Romain, der ewige Mückenmagnet

Romain, 28 Jahre alt, liebt sein kleines Haus in der Nähe eines Flusses, umgeben von Natur. Morgens weckt ihn das Plätschern des Wassers, abends geniesst er den Sonnenuntergang auf seiner Terrasse. Alles könnte so idyllisch sein, doch diese mühsamen Mücken machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Warum immer er von den Mücken gestochen wird, kann er sich nicht erklären. Aber irgendwie scheint er der Hauptgang ihres Buffets zu sein. Wenn er mit seinen Freund:innen draussen abhängt, kann er wetten, dass er am Ende mindestens zehn Mal mehr Stiche hat als alle anderen zusammen.

Loading

Mehr lesen »

Wenn der Sommer summt

Mit Frühling und Sommer kommen die warmen Tage, die langen Abende und die perfekte Zeit für Outdoor-Abenteuer. Egal ob Grillpartys mit Freund:innen, entspannte Spaziergänge in der Natur oder ausgedehnte Wanderungen. Jetzt heisst es, die Sonne und die frische Luft in vollen Zügen zu geniessen. Der Sommer bietet all die angenehmen Dinge, auf die wir uns das ganze Jahr über freuen: Sonnenschein, entspannte Stunden im Freien und das Gefühl, den Alltag hinter sich zu lassen. Wäre da nicht eine kleine, summende Schattenseite: Mücken. 

Loading

Mehr lesen »

Wenn ein Glukosesensor Noisette zu Hilfe kommt

Jacqueline, 42 Jahre alt, hat sich schon immer als bedingungslose Tierliebhaberin betrachtet. Anfang Januar bemerkt sie, dass Noisette, einer ihrer mittlerweile 13½-jährigen Kater, ein ungewöhnliches Verhalten zeigt: Er trinkt immer mehr Wasser, scheint es unablässig zu fordern und wirkt beinahe besessen davon, stets Zugang zu Wasser zu haben. Beunruhigt über diesen ungewöhnlichen Durst vereinbart sie einen Termin beim Tierarzt, um Klarheit zu schaffen.

Loading

Mehr lesen »

Der Schlüssel zu einem gut verwalteten Diabetes

Diabetes betrifft Millionen von Menschen auf der ganzen Welt und die Behandlung dieser Krankheit hängt von einem feinen Gleichgewicht zwischen medizinischer Betreuung, Technologie und Patientenengagement ab. In Lausanne setzt Dr. med. Daniela Sofra, eine engagierte Endokrinologin und Diabetologin, auf Teamarbeit. In diesem Interview beleuchtet sie die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit mit Hausärzt:innen und die bahnbrechende Rolle, die CGM-Sensoren (Continuous Glucose Monitoring) im Leben der Patient:innen spielen.

Loading

Mehr lesen »