Plötzlich Typ-1-Diabetes: Leben neu lernen

Sascha, 39 Jahre alt

Sascha Küchler, geboren 1987, ist Geschäftsführer eines Dienstleistungsunternehmens. Gemeinsam mit seiner Partnerin und seinen zwei Kindern lebt er ein aktives Leben und verfolgt seine Leidenschaften für Sport und Autos. Ein unerklärlicher Gewichtsverlust, ständiger Durst und zunehmende Müdigkeit machten damals deutlich, dass etwas nicht stimmte. Mit der Diagnose Typ-1-Diabetes veränderte sich sein Alltag schlagartig. Im Gespräch erzählt er, wie er die Warnsignale zunächst übersah, welche Ängste ihn beschäftigten und wie er heute gelernt hat, den Alltag mit der Erkrankung zu gestalten und sich gleichzeitig gesünder und fitter zu fühlen. | Noémie Aeschlimann

Wie sah Ihr Alltag vor der Diagnose aus und wann bemerkten Sie erste Veränderungen?

Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass etwas nicht in Ordnung war. Über mehrere Monate habe ich rund 25 Kilogramm verloren. Anfangs schrieb ich die Symptome Stress und beruflicher Belastung zu. Auch mein Umfeld machte mich darauf aufmerksam, dass ich immer dünner wirke und die Kleidung nicht mehr passt. Ich hatte extremen Durst und trank täglich grosse Mengen Wasser. Trotz aller Warnsignale habe ich versucht, gegenzusteuern und noch mehr zu essen, vor allem Zucker. Paradoxerweise nahm ich dadurch weiter ab. Ich fühlte mich kraftlos und hilflos, weil ich nicht verstand, was in meinem Körper vor sich ging.

Wie wurde die Diagnose gestellt und wie haben Sie in diesem Moment reagiert?

Ich suchte letztlich meinen Hausarzt auf, der ein grosses Blutbild machte. Eine Woche später sollte ich erneut sofort zur Kontrolle kommen. Der erste gemessene Blutzuckerwert war extrem hoch. Man wies mich auf die akute Gefahr eines diabetischen Komas hin, und ich musste direkt ins Spital. Dieser Moment war ein grosser Schock! Ich begriff zunächst gar nicht, wie ernst die Lage war. Die Situation überforderte mich völlig und ich konnte die Diagnose lange nicht richtig verarbeiten. Es war eine Mischung aus Angst, Sorge um meine Kinder und Verunsicherung über meine eigene Zukunft. Bisher hatte ich nie über Diabetes nachgedacht und konnte mir kaum vorstellen, wie das Leben danach aussehen würde.

Wie sahen die ersten Wochen nach der Diagnose für Sie aus und welche Schwierigkeiten traten auf?

Der Alltag war plötzlich eine enorme Herausforderung. Selbst alltägliche Dinge wie Einkäufe wurden kompliziert. Ich konnte nicht einschätzen, welche Lebensmittel ich essen durfte, wie viele Kohlenhydrate sie enthielten und wie mein Körper darauf reagierte. Ohne Unterstützung fühlt man sich völlig verloren. Zudem hatte ich einen regelrechten Zuckerentzug, da mein Körper über Monate an grosse Mengen Zucker gewöhnt gewesen war. Jeder Einkauf wurde zu einer kleinen Prüfung. Ich brauchte Stunden, um die Nährwertangaben zu verstehen und abzuwägen, was ich essen durfte. Diese Zeit war auch psychisch extrem anstrengend, weil man ständig Entscheidungen treffen musste, die vorher keine Rolle gespielt hatten.

Wie wurden Sie medizinisch betreut und wie hat das Ihren Umgang mit der Erkrankung beeinflusst?

Die Diabetologin, zu der ich kam, begleitete mich von Anfang an. Schritt für Schritt lernte ich, wie man die Krankheit managt, angefangen bei der Ernährung über die Insulintherapie bis hin zum Einsatz eines Glukosesensors. Die Informationen wurden nach und nach vermittelt, sodass ich sie verarbeiten konnte.

Durch diese strukturierte Betreuung gewann ich Sicherheit und lernte, meine Werte zu kontrollieren, ohne dass die Krankheit meinen Alltag dominierte. Ich verstand, dass es nicht darum ging, alles sofort perfekt zu machen, sondern dass kleine Schritte und Routine entscheidend waren. Jede Woche erlernte ich neue Handgriffe, von der Berechnung der Kohlenhydrate bis zur sicheren Anwendung von Insulin.

Wie wirkte sich die Diagnose auf Ihr Leben zu Hause und auf Ihr emotionales Empfinden aus?

Meine Partnerin unterstützte mich sehr, vor allem bei der Ernährungsumstellung. Emotional war die Situation besonders belastend, weil ich mir auch Sorgen um meine Kinder machte, insbesondere um die Frage, ob etwas vererbt worden war. Diese Gedanken beschäftigten mich stark und waren teilweise schwerer zu verarbeiten als die praktischen Herausforderungen. Gleichzeitig bemerkte ich, dass mich die Familie trug und dass wir gemeinsam Wege fanden, den Alltag zu gestalten. Es zeigte mir, wie wichtig offene Kommunikation ist und dass man Ängste und Unsicherheiten teilen muss, um Lösungen zu finden und sich nicht allein zu fühlen.

Wie haben Sie Ihren Lebensstil verändert und wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Ich stellte meine Ernährung bewusst um und verzichte nun weitgehend auf Kohlenhydrate. Dadurch benötige ich nur noch ein Langzeitinsulin am Abend. Meine Werte liegen fast immer im Zielbereich, und ich fühle mich fitter, ausgeglichener und gesünder als zuvor. Ich habe gelernt, dass ich meinen Alltag nicht vom Diabetes bestimmen lassen muss, sondern die Erkrankung in meinen Rhythmus integrieren kann. Ich plane meine Mahlzeiten und achte auf meinen Blutzuckerspiegel. Sport integriere ich ebenfalls, ohne mich einschränken zu lassen. Durch diese Struktur gewinne ich mehr Kontrolle und ein Gefühl von Sicherheit.

Was würden Sie jemandem raten, der gerade die Diagnose Typ 1 Diabetes bekommen hat?

Die Diagnose ist ein Einschnitt, das lässt sich nicht leugnen. Trotzdem gibt es immer einen Weg, damit zu leben! Wer bereit ist, sich der Erkrankung zu stellen, Verantwortung zu übernehmen und sich zu informieren, kann Wege finden, gesund und aktiv zu leben. Mit der richtigen Unterstützung kann man sich sicher und fit fühlen und den Alltag trotz Erkrankung erfolgreich gestalten. Es lohnt sich, Schritt für Schritt Vertrauen in sich selbst zu entwickeln und die Kontrolle über den eigenen Körper zurückzugewinnen. Es mag paradox klingen, aber ich fühle mich trotz der Krankheit gesünder denn je! 

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