Hinter der Brille: Die Akteur:innen der Augengesundheit

Dr. med. Sami Hayek
Augenarzt und Chirurg FMH

In einer Welt, in der Augengesundheit für unser tägliches Leben von entscheidender Bedeutung ist, bilden die Berufe der Augenheilkunde ein miteinander verbundenes System. Darin spielt jede Fachperson eine wichtige und ergänzende Rolle. Um diese Berufe zu entmystifizieren und die Bedeutung ihrer Zusammenarbeit hervorzuheben, haben wir Dr. med. Sami Hayek, Augenarzt und Chirurg FMH, FEBO, befragt. Erfahren Sie in diesem Gespräch, wie Augenärzt:innen, Optiker:innen, Orthopädist:innen und Optometrist:innen Hand in Hand arbeiten, um unser Sehvermögen zu erhalten und zu verbessern. | Adeline Beijns

Was sind heute die wichtigsten Berufe im Bereich der Augenheilkunde und wie interagieren sie im Alltag miteinander?

Zu den wichtigsten Berufen im Bereich der Augenheilkunde zählen Augenärzt:innen, Optiker:innen, Optometrist:innen und Orthoptist:innen. Diese Fachleute können selbstständig tätig sein oder sich einer Klinik oder Augenarztpraxis anschliessen, um enger zusammenzuarbeiten. Insbesondere Orthoptist:innen arbeiten eng mit Augenärzt:innen zusammen. Sie befassen sich hauptsächlich mit der Rehabilitation von Augenbewegungsstörungen in jedem Alter und der Rehabilitation von Amblyopie (Schwachsichtigkeit) bei Kindern. Optometrist:innen führen Sehtests durch, beurteilen die Sehfunktion und passen optische Korrekturen an. Sie spielen zudem eine zentrale Rolle in der Früherkennung von Auffälligkeiten, die eine Überweisung an eine:n Ophthalmolog:in erforderlich machen. Ihr Fachwissen trägt zur Verbesserung der Sehkraft bei und bereichert die gesundheitliche Gesamtversorgung.

Wie würden Sie die zentrale Rolle von Augenärzt:innen bei der umfassenden Versorgung der Augengesundheit beschreiben?

Augenärzt:innen nehmen eine zentrale Stellung ein, da sie als einzige Fachärzt:innen eine umfassende medizinische Ausbildung absolvieren. Sie können verschiedene allgemeine Krankheiten erkennen, die sich durch Augenerkrankungen äussern, wie Diabetes und  bestimmte entzündliche Erkrankungen. Da das Auge eine Verlängerung des Gehirns ist, sind ausserdem mehrere neurologische Erkrankungen mit Augenerkrankungen verbunden. So können Augenärzt:innen die Patient:innen an andere Fachärzt:innen überweisen und eine ganzheitliche Behandlung gewährleisten, die über das Sehvermögen hinausgeht und die Gesundheit als Ganzes betrachtet.

Inwiefern ist die Zusammenarbeit zwischen Augenärzt:innen, Optometrist:innen und Optiker:innen für eine optimale Diagnose und Nachsorge unerlässlich?

Diese Zusammenarbeit ist von grundlegender Bedeutung, da viele Patient:innen bei Beschwerden nicht zuerst einen Augenarzt oder eine Augenärztin, sondern eine:n Optiker:in konsultieren. Das ist dennoch von Vorteil, denn Augenärzt:innen, Optiker:innen und Optometrist:innen übernehmen Aufgaben entsprechend ihrer jeweiligen Fachkenntnisse zum Wohle der Patient:innen. Ihre Zusammenarbeit optimiert die Früherkennung und Nachsorge, vermeidet doppelte Arbeit und gewährleistet eine höhere Effizienz bei der Augenversorgung.

Was sind Ihrer Meinung nach die Risiken, wenn Patient:innen bei Sehstörungen nicht zum richtigen Zeitpunkt die richtige Person konsultieren?

In der Schweiz wird das Konzept «nicht die richtige Person konsultieren» durch eine ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen den Augenärzt:innen aufgefangen. Die Fachpersonen halten sich strikt an die Grenzen ihrer Kompetenzen und die gut funktionierende Zusammenarbeit ermöglicht eine reibungslose Überweisung an die geeignete Fachperson. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass jedes neue Sehsymptom, jeder Verdacht auf eine Augenerkrankung oder jede Augenverletzung im Zusammenhang mit einer bekannten Allgemeinerkrankung von einem Augenarzt oder einer Augenärztin untersucht werden muss. Die Behandlung von Augenerkrankungen fällt ebenfalls in den Bereich der Medizin, da es sich um Gesundheitsbeeinträchtigungen handelt, die eine Diagnose und gegebenenfalls eine therapeutische Behandlung erfordern.

Sollte diese Zusammenarbeit dann unterbrochen werden, beispielsweise wenn ein:e Optiker:in oder Optometrist:in mit unvollständiger Ausbildung einen Verdachtsfall nicht an eine:n Augenärzt:in überweist, könnte dies zu Verzögerungen bei der Diagnose potenziell schwerwiegender Erkrankungen führen. Diese Verzögerungen könnten zu einem fortschreitenden Verlust des Sehvermögens oder sogar zu systemischen Komplikationen führen. Dank des soliden Netzwerks in der Schweiz profitieren die Patient:innen in der Regel von einer schnellen Versorgung, wodurch Gefahren minimiert und ihre Augengesundheit bestmöglich erhalten bleibt.

Welche Vorurteile über die Augenheilkunde begegnen Ihnen am häufigsten, und wie gehen Sie in Ihrer Praxis damit um?

Eines der häufigsten Vorurteile ist, dass alle Sehprobleme mit einer Brille behoben werden können, darunter auch schwerwiegende Erkrankungen wie die altersbedingte Makuladegeneration (AMD). Für Erkrankungen wie das Glaukom, das den Sehnerv befällt, gibt es jedoch keine optische Lösung, da dem Glaukom eine neurologische Störung zugrunde liegt. Es handelt sich um eine schmerzfreie Erkrankung, die in der Regel erst im fortgeschrittenen Stadium Symptome zeigt, wenn die Schäden bereits irreversibel sind. Dies unterstreicht die Bedeutung einer frühzeitigen Diagnose und medizinischen Überwachung. In meiner Praxis nehme ich mir die Zeit, dies den Patient:innen klar und einfühlsam zu erklären, indem ich konkrete Beispiele anführe, die diese Missverständnisse ausräumen und sie zu geeigneten Behandlungen führen. Oft verwende ich einfache Alltagsanalogien, um diese Konzepte verständlich zu machen und zu verhindern, dass Patient:innen ihre Symptome herunterspielen. Schliesslich fördere ich eine offene Diskussion, in der ich alle ihre Fragen beantworte und so ihr Verständnis und ihre Zustimmung zum vorgeschlagenen Behandlungsplan stärke.

Welche Botschaft möchten Sie Patient:innen mitgeben, damit sie den Behandlungsablauf in der Augenheilkunde besser verstehen und Verzögerungen bei der Diagnose vermeiden können?

Meine Kernbotschaft lautet: Unabhängig davon, welche Fachperson als Erstes konsultiert wird, ist es wichtig, dass diese Teil eines strukturierten und koordinierten Netzwerks für die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen ist. Die Behandlung komplexer Fälle kann in bestimmten Fällen zusätzliche Kompetenzen oder eine fachärztliche Meinung erfordern. Bei gutem Austausch zwischen den Fachleuten können subtile klinische Anzeichen schneller erkannt und Patient:innen entsprechend überwiesen werden. Das trägt dazu bei, Verzögerungen bei der Diagnose und eine unvollständige Behandlung zu vermeiden. Sei es mit Optiker:innen, um eine Verschreibung zu verfeinern, oder mit Augenärzt:innen, um eine zweite Meinung einzuholen: die Zusammenarbeit mit anderen Spezialist:innen ist nicht nur beruflich bereichernd, sondern auch optimal für das Wohlbefinden der Patient:innen. Sie fördert eine schnelle, präzise und personalisierte Behandlung, verringert das Risiko von Komplikationen und stärkt das Vertrauen in den Behandlungsverlauf. Entscheiden Sie sich also für Fachleute, die Teil eines kooperativen Ökosystems sind, das ist der Schlüssel zu einer erhaltenen Sehkraft und guten Augengesundheit. 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Abonnieren Sie die Printversion von Gesundheitsecho, um Zugriff auf alle Informationen zum Thema zu haben: Erfahrungsberichte, Tests, nützliche Adressen, Infografiken und mehr.
Also warten Sie nicht länger!
CHF39.00
Oder abonnieren Sie direkt 8 Ausgaben!
CHF78.00

Loading

Teilen auf

Facebook

Weitere Artikel

Zittern: über Parkinson hinaus

Zittern, das durch unwillkürliche rhythmische Bewegungen eines oder mehrerer Körperteile gekennzeichnet ist, wird normalerweise mit der Parkinson-Krankheit in Verbindung gebracht. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass die Parkinson-Krankheit nicht die einzige Ursache für Zittern ist. Viele Gesundheitszustände können diese unwillkürlichen Bewegungen auslösen.

Loading

Mehr lesen »

Wenn das Tempo nicht mehr passt

Julie Cartwright, 43, war schon immer ein Mensch voller Energie. Zehn Jahre lang trainierte sie Kampfsport,
später spezialisierte sie sich auf Luftakrobatik. Daneben absolvierte sie ihr Masterstudium, arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin und gründete mit einer befreundeten Person ein eigenes Luftakrobatik-Studio. Alles war in Bewegung, sie funktionierte perfekt im Hochleistungsmodus: körperlich, beruflich und mental.

Loading

Mehr lesen »

Familienerbe Migräne

Juliette, 52, hat ein bewegtes Leben. Als Französischlehrerin an einem Gymnasium, Mutter von zwei Teenagerinnen und Besitzerin von zwei kleinen Hunden, die jeden Tag ausgeführt werden wollen, verkörpert sie überströmende Energie und eine tiefe Liebe zu ihren Mitmenschen. Doch im Schatten ihres aktiven Lebens lastet eine unsichtbare, allgegenwärtige Bürde auf ihren Schultern: die Migräne.

Loading

Mehr lesen »

Wenn der Bauch den Kopf mitbestimmt: Migräne und Darm

Migräne ist weit mehr als ein reiner Kopfschmerz – sie betrifft oft den ganzen Körper. Besonders der Magen-Darm-Trakt scheint bei vielen Betroffenen eine wichtige Rolle zu spielen. Übelkeit, Erbrechen oder Bauchschmerzen sind bekannte Begleiter. Neue Erkenntnisse zeigen: Der Darm könnte mehr Einfluss auf Migräne haben, als bisher gedacht. Was das bedeutet und wie man diesen Zusammenhang positiv nutzen kann, lesen Sie in diesem Artikel.

Loading

Mehr lesen »

CGM und ärztliche Betreuung: die Schlüssel zu mehr Lebensqualität mit Diabetes

Typ-2-Diabetes ist eine chronische Erkrankung, von der Millionen Menschen betroffen sind. Doch jeder Verlauf ist einzigartig. Die 60-jährige Kauffrau Christine C. erzählt von ihren Erfahrungen seit der Diagnose vor 20 Jahren. Dabei berichtet sie von alltäglichen Herausforderungen, der Entwicklung neuer Technologien wie des Sensors zur kontinuierlichen Glukosemessung (Continuous Glucose Monitoring, CGM) und entsprechender ärztlicher Betreuung. Sie erzählt aber auch, wie sie gelernt hat, mit ihrer Diabeteserkrankung umzugehen und gleichzeitig ihre Lebensqualität zu bewahren.

Loading

Mehr lesen »