Hausärztin, Walk-in oder Notaufnahme: Wer hilft wann

Dr. med. Helene Schott
Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und Notfallmedizin

Plötzlich krank oder verletzt? Man überlegt, ob man die Hausärztin oder den Hausarzt anruft, direkt ins Walk-in-Zentrum geht oder die Notaufnahme aufsuchen sollte. Wir haben mit Dr. med. Helene Schott, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und Notfallmedizin und Leiterin der Hausärzt:innen sowie des Walk-in-Notfalls im Ärztezentrum Ostermundigen, darüber gesprochen. Sie berichtet, wie die Abläufe im Ärztezentrum organisiert sind und worauf Patient:innen achten sollten, um bei akuten Beschwerden die richtige Entscheidung zu treffen. | Noémie Aeschlimann

Sie sind Hausärztin und leiten gleichzeitig den Walk-in Notfall. Wie sieht Ihr Alltag aus und welche Rolle spielen Sie in der Koordination der Versorgung?

In unserem Zentrum haben wir die Besonderheit, dass sowohl der Walk-in-Bereich als auch der Hausarztbereich unter meiner Leitung stehen und alle unsere Ärzt:innen an beiden Stellen arbeiten. Eine meiner wichtigen Aufgaben ist es, zu koordinieren, welche Patient:innen in den Hausarztbereich gehören und welche in den Walk-in-Bereich. Ich plane, wer wann arbeitet und lege Standards und Prozesse fest, damit die Patient:innen am richtigen Ort die passende Versorgung erhalten.

Wann sollte man idealerweise zuerst zur Hausärztin oder zum Hausarzt und wann ist der Gang zum Walk-in Notfall sinnvoll?

Grundsätzlich ist es sinnvoller, zunächst zur Hausärztin oder zum Hausarzt zu gehen, sofern keine schwerwiegenden Symptome vorliegen. Hausärzt:innen kennen die Patient:innen, die Medikamente, die Vorgeschichte, Allergien, bereits durchgeführte Abklärungen und Risikofaktoren. Beim Walk-in-Notfall liegen diese Informationen nicht vor und müssen erst erfragt werden, was die Abklärung verlängert und manchmal zu doppelten Untersuchungen führt.

Wenn Hausärzt:innen jedoch kurzfristig keinen Termin innerhalb einer sinnvollen Frist anbieten können, kann man den Walk-in-Notfall aufsuchen. Dabei sollte man beachten, dass die Versorgung nicht dasselbe Level von Kontinuität wie bei Hausärzt:innen haben kann.

Was sind typische Beschwerden, mit denen Patient:innen zum Walk-in kommen und welche Fälle gehören wirklich in die Notaufnahme?

Im Walk-in treten vor allem akute Beschwerden wie Erkältungen, Kopfschmerzen, Migräne, Bauch- und Rückenschmerzen oder der Wunsch nach Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen auf. In die Notaufnahme gehören dagegen lebensbedrohliche Situationen, etwa linksseitige Brustschmerzen, neurologische Ausfälle wie Sprachstörungen oder Lähmungen, Ohnmachtsanfälle oder schwere Traumata wie Autounfälle und offene Brüche.

Patient:innen sollten besonders aufmerksam sein und sofort handeln oder den Notruf 144 wählen, wenn sie solche Warnzeichen bemerken. 

Können regelmässige Vorsorgeuntersuchungen helfen, Notfälle zu vermeiden?

Ja, Vorsorgeuntersuchungen sind sehr sinnvoll! Sie werden alters- und risikofaktoradaptiert durchgeführt und berücksichtigen zum Beispiel familiäre Häufungen von Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Dabei werden zum Beispiel Blutdruck, Blutfettwerte und weitere einfache Parameter kontrolliert. So lassen sich frühzeitig Risiken erkennen und einfache Therapien einsetzen, um schwerwiegende Ereignisse zu verhindern.

Wie sehen Sie die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Hausärzt:innen, Walk-in-Zentren und Spitälern in der Schweiz?

Diese Zusammenarbeit ist sehr wünschenswert. Die Hausärzt:innen spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie ihre Patient:innen kennen und alle relevanten Informationen vorliegen haben. Spezialärzt:innen und Walk-in-Zentren greifen auf diese Informationen zurück, um Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Wer ständig nur Walk-in-Zentren nutzt, verliert die kontinuierliche Betreuung. Ein guter Kontakt zum Hausarzt oder zur Hausärztin stellt sicher, dass bei Notfällen oder stationären Behandlungen alle notwendigen Informationen verfügbar sind und die Versorgung effizient und sicher abläuft. Deshalb ist es wichtig, einen Hausarzt oder eine Hausärztin zu haben, der für die Patient:innen verantwortlich ist. Nicht jeder akute Fall muss sofort ins Walk-in-Zentrum. 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Abonnieren Sie die Printversion von Gesundheitsecho, um Zugriff auf alle Informationen zum Thema zu haben: Erfahrungsberichte, Tests, nützliche Adressen, Infografiken und mehr.
Also warten Sie nicht länger!
CHF39.00
Oder abonnieren Sie direkt 8 Ausgaben!
CHF78.00

Loading

Teilen auf

Facebook

Weitere Artikel

CLL: Kein Grund zur Panik!

Die Geschichte von Hansrudolf Jenny (73) zeigt, dass eine CLL-Diagnose nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Weges sein kann. Mit Zuversicht, Gelassenheit und einem klaren Blick nach vorn lebt er seit seiner Diagnose bewusst und aktiv weiter. Statt sich von der Krankheit bestimmen zu lassen, setzt er auf Wissen, Vertrauen in die Medizin und eine positive Lebenseinstellung.

Loading

Mehr lesen »

Die Bedeutung und Vielseitigkeit von Blut

Täglich zirkulieren mehr als sechs Liter Blut durch unsere Arterien, Venen und Kapillaren, um Sauerstoff und Nährstoffe zu unseren Zellen zu transportieren. Angesichts all dieser lebenswichtigen Funktionen ist es nicht verwunderlich, dass Blut in verschiedensten Disziplinen relevant ist. So hat Blut vielfältige Rollen innerhalb und ausserhalb unseres Körpers – von der Unterstützung lebensrettender medizinischer Behandlungen bis hin zu einem hervorragenden Werkzeug bei forensischen Untersuchungen.

Loading

Mehr lesen »

Forever young? Optimieren Sie Ihre Chance

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa beträgt aktuell etwa 84 Jahre für Frauen und 79 Jahre für Männer. Ab einer gewissen Annäherung an diese Werte beginnen viele Menschen, sich mit dem eigenen Altern auseinanderzusetzen und versuchen, diesen Prozess aktiv zu bremsen. In der Tat scheint es möglich zu sein, unser biologisches Alter vom kalendarischen in einem gewissen Mass zu entkoppeln.

Loading

Mehr lesen »

Das Frauenideal … im Wandel der Zeit

Das Schönheitsideal der Frau hat sich mit den Trends, dem kulturellen Kontext und den Ikonen jeder Epoche immer wieder verändert. Solche Ideale hatten einen grossen Einfluss darauf, wie Frauen ihren Körper wahrnahmen. Eine Zeitreise zu den emblematischen Figuren, die diese Entwicklungen geprägt haben.

Loading

Mehr lesen »

Das Geheimnis der 100-Jährigen

Liebe My Life-Leserinnen und -Leser, ich verstehe mich als Botschafterin einer ziemlich guten Sache: der Langlebigkeits-Forschung. Mehr Wissen und mehr tun, für sich selbst, für ein gesundes, langes Leben. Wie wäre es mit ein paar Zahlen: Was ist das Ziel der Forscher? 120 werden, und zwar gesund! 130 sind auch bald möglich – ach was, 150 packen wir auch! Mit solchen Zahlen jonglieren tatsächlich einige aus der «Langlebigkeits-Szene». Ich halte nicht viel davon. Das ist Zukunftsmusik. Für meine Generation und wahrscheinlich auch für die nach mir nicht zu erreichen. Aber gesunde 90? Oder gesunde 100 vielleicht?

Loading

Mehr lesen »