Gürtelrose: Wenn die Windpocken von gestern wieder zuschlagen

Dr. med. Michael Feusier
FMH-Arzt in Carouge

Die Gürtelrose ist ein schmerzhafter Hautausschlag, der potenziell 99,6% der Erwachsenen betrifft, die in ihrer Kindheit Windpocken hatten, und ist dennoch eine wenig bekannte, aber häufige Erkrankung. Zur Aufklärung unserer Leser:innen haben wir Dr. med. Michael Feusier, FMH-Arzt in Carouge, befragt. In diesem Interview erklärt er den Mechanismus des Virus, seine Phasen, seine Risiken und Präventionsstrategien. | Adeline Beijns

Was ist Gürtelrose und was hat sie mit den früher im Leben durchgemachten Windpocken zu tun?

Gürtelrose wird durch das Varizella-Zoster-Virus verursacht, das gleiche Virus, das auch Windpocken auslöst. Nach einer Erstinfektion, die häufig im Kindesalter erfolgt, verschwindet das Virus nicht, sondern verbleibt inaktiv in den Nervenknoten. Eine Reaktivierung kann Jahrzehnte später in Form einer Gürtelrose entlang eines Nervs erfolgen. Die Reaktivierung tritt in einem begrenzten, meist einseitigen Bereich des Körpers mit gruppierten Bläschen auf. Es handelt sich um ein Wiederauftreten, nicht um eine neue Infektion, daher können potenziell 99,6% der Erwachsenen, die in der Kindheit Windpocken hatten, davon betroffen sein.

Warum steigt das Risiko an Gürtelrose zu erkranken mit zunehmendem Alter?

Das Alter führt zu einer Schwächung des Immunsystems, wodurch die immunologische Kontrolle über das ruhende Virus abnimmt. Nach dem 50. bis 60. Lebensjahr steigt das Risiko, da die natürlichen Abwehrkräfte nachlassen. Faktoren wie Stress oder Müdigkeit können dies früher auslösen, doch das Alter ist der wichtigste Auslöser. Bei jungen Menschen kommt sie nur selten vor, ausser bei Immunschwäche oder erheblichem Stress.

Was sind die ersten Anzeichen von Gürtelrose und warum ist es wichtig, schnell zu reagieren?

Die Gürtelrose verläuft in vier klar unterscheidbaren Phasen, deren frühzeitige Erkennung entscheidend ist, um rechtzeitig eingreifen zu können. Die erste Phase, die Prodromalphase, tritt häufig ohne sichtbare Hautveränderungen auf. Betroffene verspüren starke einseitige Schmerzen, die brennen, kribbeln oder wie Stromschläge wirken und auf einen begrenzten Bereich des Körpers beschränkt sind, meist nur auf einer Seite. Diese Phase kann vier bis vierzehn Tage dauern und wird manchmal von Müdigkeit, Kopfschmerzen oder leichtem Fieber begleitet. Sie geht dem Hautausschlag voraus. In der anschliessenden eruptiven Phase treten rote Flecken auf, denen rasch kleine Bläschen mit klarer Flüssigkeit folgen, die einen klar abgegrenzten Streifen entlang eines Nervs bilden. Diese Läsionen können schmerzhaft sein und jucken. In der Abheilungsphase trocknen die Bläschen dann aus und bilden Krusten. Dieser Vorgang dauert zwei bis drei Wochen und geht häufig mit einer leichten Hautabschuppung einher. Bei manchen Betroffenen kann danach eine Post-Zoster-Phase auftreten, in der neuropathische Schmerzen bestehen bleiben, selbst nachdem die Hauterscheinungen abgeklungen sind. 

Es ist daher wichtig, schnell zu reagieren, idealerweise innerhalb von 72 Stunden nach Auftreten der ersten Hautsymptome. Eine frühzeitige antivirale Behandlung kann die Dauer der Erkrankung erheblich verkürzen, die Schmerzintensität lindern und vor allem das Risiko schwerwiegender Komplikationen verringern, etwa chronischer Schmerzen, die die Lebensqualität über Monate beeinträchtigen können. Unterschätzen Sie diese ersten Symptome nicht. Eine schnelle Konsultation kann den entscheidenden Unterschied ausmachen.

Was sind mögliche Komplikationen von Gürtelrose, insbesondere anhaltende Schmerzen?

Etwa 30% der Betroffenen entwickeln eine postzosterische Neuralgie, die sich durch starke, elektrische Schmerzempfindungen auszeichnet und über Monate andauern kann.

Zu den weiteren wichtigen Risiken gehört, dass etwa 25% der Gürtelrosefälle den Augenbereich betreffen und das Sehvermögen ernsthaft gefährden können. Bei immungeschwächten Personen können zudem schwerere Krankheitsverläufe auftreten. Glücklicherweise lassen sich all diese Komplikationen durch eine frühzeitige Behandlung deutlich abmildern.

Gibt es heute wirksame Mittel zur Vorbeugung von Gürtelrose?

Ja, eine Impfung stärkt die Immunität gegen das ruhende Virus und senkt das Risiko einer Reaktivierung erheblich. Sie wird ab einem Alter von 50 Jahren empfohlen, insbesondere ab 65 Jahren oder bei immungeschwächten Personen. Die Vorteile überwiegen bei weitem die kontrollierbaren Nebenwirkungen. Ergänzen Sie dies durch einen gesunden Lebensstil: ausreichend Schlaf, ausgewogene Ernährung und Stressbewältigung.

Für wen ist die Vorbeugung gegen Gürtelrose besonders empfehlenswert?

Die Impfung wird ab 65 Jahren allen Erwachsenen empfohlen und früher, wenn eine Person immungeschwächt ist, an einer oder mehreren chronischen Erkrankungen leidet oder bereits Gürtelrose hatte. Betroffene dieser Gruppen haben ein höheres Risiko für schwere Verläufe. Man sollte nicht vergessen, dass das Immunsystem mit dem Alter geschwächt wird und dass immunsuppressive Therapien das Risiko erhöhen. Daher ist Vorbeugung der Schlüssel, um Komplikationen zu verhindern.

Welche Tipps können im Alltag helfen, das Risiko zu senken oder einen besseren Schutz zu erreichen?

Um Ihr Immunsystem im Alltag zu stärken, sollten Sie auf ausreichend erholsamen Schlaf achten, sich regelmässig moderat bewegen und sich ausgewogen ernähren. Besonders wichtig sind dabei Vitamine wie C, D, B6 und B12, die unter anderem die Gesundheit der Nerven unterstützen. Vergessen Sie ausserdem nicht, Stress aktiv zu reduzieren, zum Beispiel mit Entspannungstechniken wie Meditation oder beruhigenden Spaziergängen, um Körper und Geist im Gleichgewicht zu halten. Eine gesunde Lebensweise ist von grundlegender Bedeutung: Achten Sie besonders auf Stressbewältigung, indem Sie Gewohnheiten wie Atemübungen oder tägliche Entspannungsmomente integrieren und gleichzeitig auf einen gesunden Lebensstil mit abwechslungsreicher Ernährung und ausreichender Ruhe achten. Diese einfachen Massnahmen tragen zur Stärkung der natürlichen Abwehrkräfte bei, sind jedoch für Risikopersonen eine ideale Ergänzung zu einer gezielteren Präventionsstrategie.

Ein letztes Wort? 

Vergessen Sie nicht, dass Gürtelrose keine harmlose Erkrankung ist: Die Nervenschmerzen können absolut schrecklich und lähmend sein. Viele Menschen empfinden starke Schmerzen, die auf einer Schmerzskala zwischen sieben und zehn eingestuft werden, was enorm ist. Dies zeigt, wie wichtig es ist, bei den ersten Anzeichen sofort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen und ernsthaft eine Impfung in Betracht zu ziehen, um solche Schmerzen zu vermeiden. Durch geeignete und individuell abgestimmte Präventionsmassnahmen können wir die Auswirkungen auf unseren Alltag erheblich mildern und unsere Lebensqualität erhalten. 

 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Abonnieren Sie die Printversion von Gesundheitsecho, um Zugriff auf alle Informationen zum Thema zu haben: Erfahrungsberichte, Tests, nützliche Adressen, Infografiken und mehr.
Also warten Sie nicht länger!
CHF39.00
Oder abonnieren Sie direkt 8 Ausgaben!
CHF78.00

Loading

Teilen auf

Facebook

Weitere Artikel

So jung hatte ich nicht mit Krebs gerechnet

Wenn man sein ganzes Leben noch vor sich hat, kann es surreal oder sogar grausam erscheinen, wenn eine Krankenschwester mit einem unbeholfenen Lächeln sagt: «Sie haben Glück, Sie haben die richtige Krebs-art gewählt, denn Schilddrüsenkrebs ist gut behandelbar.» Denn auch wenn diese Krebsart oft eine gute Prognose hat, fühlt man sich in diesem Alter nicht bereit, sich mit diesem beängstigenden Wort auseinanderzusetzen. Denn es steht für Unsicherheit und Angst. Das empfand Magda, heute 39 Jahre alt, als die Diagnose gestellt wurde. Fünfzehn Jahre später, während sie ein Fotoalbum über ihre letzte 3500 km lange Reise durch Namibia vorbereitet, erzählt sie von ihrem Lebensweg, der von der Krankheit und dem Wunsch geprägt ist, weiterhin ein erfülltes Leben zu führen.

Loading

Mehr lesen »

Prostatakrebs: was jeder Mann wissen sollte

Obwohl Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung bei Männern ist, ist er immer noch mit vielen Vorurteilen verbunden. Dank Früherkennung und multidisziplinären Behandlungsmöglichkeiten haben sich die Aussichten auf Heilung für Betroffene erheblich verbessert. Entscheidend bleibt die richtige Aufklärung, die Männer dazu ermutigen soll, das Stigma rund um Prostatakrebs abzulegen und ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. In diesem Interview befragten wir Dr. med. Berardino De Bari, Leiter der Abteilung für Radioonkologie am Neuenburger Spitalnetzwerk.

Loading

Mehr lesen »

Geheimnisse eines erfüllten Senioren

Das Älterwerden ist ein natürlicher Prozess, der mit Optimismus und Energie angegangen werden kann – fernab von Klischees über den Verfall. Der 80-jährige Théo Siegrist, verrät uns heute, welche Gewohnheiten ihm dabei helfen, körperlich und geistig fit zu bleiben.

Loading

Mehr lesen »

Vasektomie: Ein bewusster Schritt… zur Familienplanung

Immer mehr Männer übernehmen aktiv Verantwortung bei der Familienplanung und entscheiden sich für eine Vasektomie. Auch Boris Kasper (41) hat diesen Schritt bewusst gewählt. In diesem Erfahrungsbericht schildert er, warum er sich für eine Vasektomie entschieden hat, wie er den Eingriff erlebt hat und was sich seither verändert hat. Seine Geschichte zeigt, dass der Entschluss gut überlegt sein sollte, aber kein Grund für Angst oder Tabus sein muss.

Loading

Mehr lesen »

Von der Müdigkeit zur Diagnose: HPV als abwendbares Schicksal 

Das humane Papillomavirus (HPV) ist eine der weltweit häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen, von der fast 90% aller Frauen und Männer mindestens einmal in ihrem Leben betroffen sind. In der Schweiz sind diese Viren für mehr als 99% der Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich, mit etwa 250 neuen Diagnosen pro Jahr bei Frauen und davon 80 Todesfällen. Angesichts dieser Tatsache bleibt die regelmässige Vorsorgeuntersuchung mittels Pap-Abstrich von entscheidender Bedeutung.1 Das BAG empfiehlt die HPV-Impfung im Alter von 11 bis 14 Jahren, damit die Impfung vor dem ersten Geschlechtsverkehr erfolgt und der Schutz optimal ist – doch auch danach lohnt sich eine Impfung für Mädchen und Frauen vor dem 26.2

Loading

Mehr lesen »