Ernährung, Sportschuhe, Libido: das erfolgreiche Trio für den Frühling

Dr. med. Lakshmi Waber
Dr. med. Lakshmi Waber
Psychiater und Psychotherapeut in Genf

Der März läutet das Ende der Winterruhe ein. Wenn die Tage länger werden und wir wieder Lust bekommen, unsere Körper in Form zu bringen, neigen wir dazu, unsere Ziele voneinander zu trennen: Sport für die Figur, Ernährung für mehr Energie. Aber was wäre, wenn unser bester Vorsatz für die Gesundheit auch im Intimbereich eine Rolle spielen würde? Zwischen Kopf, Beinen und Sexualität besteht ein ständiger Dialog. Um diese komplexen Zusammenhänge zu entschlüsseln, haben wir uns mit Dr. med. Lakshmi Waber getroffen. Der Psychiater, Sexologe und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sexologie erklärt uns, warum sexuelles Wohlbefinden nicht nur unter der Bettdecke stattfindet, sondern oft schon auf dem Teller und auf dem Sportplatz beginnt. Ein Interview ohne Tabus für einen Frühling im Zeichen der ganzheitlichen Vitalität. | Adeline Beijns

Man hört oft, dass das, was gut für das Herz ist, auch gut für die Sexualität ist. Ist das ein Mythos? 

Es ist eine medizinische Tatsache. Man muss verstehen, dass die Sexualität ein echtes Barometer für Ihre Gesundheit ist. Der Erregungsprozess, sei es die Erektion bei Männern und Frauen oder die Lubrikation, basiert auf einer guten Funktion des Herz-Kreislauf-Systems. Damit dies funktioniert, muss das Blut frei zirkulieren können. Daher sind die Risikofaktoren die gleichen: Alles, was Ihre Gefässe verstopft (Rauchen, übermässiger Alkoholkonsum, Bewegungsmangel), beeinträchtigt diesen Blutfluss und wirkt sich direkt auf Ihre sexuelle Leistungsfähigkeit aus. 

Ich möchte einen wichtigen Punkt zur Prävention hervorheben: Erektionsstörungen sind oft ein «Warnsignal». Sie können einem Herzinfarkt um mehrere Jahre vorausgehen. Bei sexuellen Schwierigkeiten einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen bedeutet also nicht nur, seine Potenz zurückzugewinnen. Manchmal kann dadurch auch ein zugrunde liegendes Herz-Kreislauf-Problem erkannt und ein zukünftiger Herzinfarkt vermieden werden. Schliesslich sollten wir den positiven Kreislauf nicht vergessen: Ein gesundes Herz fördert die Sexualität, und regelmässige sexuelle Aktivität schützt im Gegenzug das Herz-Kreislauf-System.

Sport setzt Endorphine und Dopamin frei. Kann dieser Hormonschub nach dem Training die Libido direkt steigern oder im Gegenteil so sehr dämpfen, dass man kein sexuelles Verlangen mehr verspürt?

Die Zahlen sprechen für sich: Denken Sie nur an die intensive sexuelle Aktivität, die während der Olympischen Spiele 2024 in Paris im Olympischen Dorf beobachtet wurde. Sportler:innen haben zwar ein aktives Sexualleben, man muss aber differenzieren. Ich unterscheide zwischen körperlicher Aktivität (Gesundheit/Vergnügen) und Sport (Leistung). Moderate körperliche Aktivität hilft bei der Erholung und steigert die sexuelle Energie. Hochintensiver Sport kann, wenn er zu Schmerzen oder Erschöpfung führt, den gegenteiligen Effekt haben.

Haben Sportler: innen eine bessere Verbindung zu ihren körperlichen Empfindungen und erreichen daher möglicherweise leichter einen Orgasmus?

Ja, möglicherweise. Durch Sport gewöhnt man sich daran, seinen Körper in Aktion zu spüren und auf seine eigenen körperlichen Empfindungen zu achten. Diese Verbindung zu sich selbst ist wertvoll: Je besser man seinen Körper kennt und beherrscht, desto mehr kann dies das Vergnügen und den Orgasmus fördern. Aber achten Sie auf Ihre Einstellung: Alles hängt von der Absicht ab. Wenn Sie Sport nur aus Gründen der Zeitmessung und Selbstüberwindung betreiben, laufen Sie Gefahr, diesen Anspruch auch im Bett zu haben. Wer um jeden Preis versucht, sexuell so zu «performen» wie in einem Stadion, verliert dabei die für das Vergnügen notwendige Spontaneität.

Ingwer, Schokolade, Austern… Gibt es aus medizinischer Sicht Lebensmittel, die das Verlangen wecken, oder handelt es sich dabei lediglich um einen Placebo-Effekt?

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für eine «magische» Wirkung. Ingwer bewirkt keine Erektion. Allerdings ist die Verbindung zwischen Ernährung und Sexualität stark und wirkt auf mehreren Ebenen. Auf physiologischer Ebene sind Nährstoffe wie Zink, Magnesium und Antioxidantien für eine gute allgemeine Gesundheit und damit für eine gute Sexualität unerlässlich. Dann gibt es noch die sensorische Dimension. Ein Lebensmittel nährt nicht nur, es stimuliert auch. Ein schön angerichtetes Gericht, ein angenehmer Duft oder eine besondere Textur wecken unsere Sinne. Indem wir diese Sinne während einer Mahlzeit ansprechen, bereiten wir Körper und Geist auf Erotik vor. 

Im März beginnen viele Menschen mit drastischen Diäten. Können Nahrungsentzug und ständige Kalorienkontrolle das sexuelle Verlangen «auslöschen»?

Wenn die Diät als drastischer Entzug empfunden wird, ja. Der Verzicht auf Nahrung führt oft zum Verzicht auf andere Freuden, darunter auch Sex. Wer seine Ernährung umstellt, um sich etwas Gutes zu tun und sich um sich selbst zu kümmern, kann damit allerdings seine Libido fördern.

Wir leben in einer Gesellschaft, die überall Leistung wertschätzt: bei der Arbeit, im Sport und im Bett. Sehen Sie als Psychiater Patient:innen, bei denen dieser Leistungsdruck im Sport die Intimität beeinträchtigt?

Das ist in der Tat das Grundproblem, das in der Sprechstunde allgegenwärtig ist. Oft werden Pornofilme dafür verantwortlich gemacht, aber die Realität ist viel umfassender: Jeder hat seine eigene «Sexualkultur» und seine eigenen Vorstellungen von Erfolg. Bei Männern konzentriert sich dieser Druck oft auf die Erektion: Viele glauben fälschlicherweise, dass es ohne Penetration keine gültige Sexualität gibt. Frauen hingegen fühlen sich oft verpflichtet, einen Orgasmus zu erreichen, um den Geschlechtsverkehr zu bestätigen. Meine Aufgabe ist es, diesen Leistungsdruck zu mildern und den Begriff der Lust wieder einzuführen. Es geht nicht darum, ein Ziel zu erreichen, sondern zu spüren, was hier und jetzt geschieht.

Wenn Sie unseren Leser:innen eine einzige Ernährungs- und eine einzige Sportgewohnheit verschreiben müssten, um ihr Sexualleben in diesem Frühjahr zu verbessern, welche wären das?

Was die Ernährung angeht, ist mein Rat ganz einfach: Setzen Sie auf Vielfalt. Essen Sie viel Obst und Gemüse, um sich mit Nährstoffen und Vitaminen zu versorgen, denn ein gesunder Körper ist der erste Schritt zu einem erfüllten Sexualleben. Aber vor allem: Essen Sie nicht, weil es gesund ist, sondern weil es Ihnen guttut. Entscheiden Sie sich bewusst für Lebensmittel, die Ihnen Freude bereiten.

Bei der körperlichen Aktivität gilt das Gleiche: Tun Sie, was Ihnen Spass macht. Vergessen Sie die Stoppuhr oder die verbrannten Kalorien und konzentrieren Sie sich auf den Moment. Was fühle ich, wenn meine Muskeln arbeiten? Wenn mein Atem schneller wird? Bewegung hat viel mit Sensorik zu tun. Zu lernen, seinen Körper beim Sport voll und ganz zu spüren, ist die beste Vorbereitung, um auch Lust und Intimität zu empfinden. 

 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Abonnieren Sie die Printversion von Gesundheitsecho, um Zugriff auf alle Informationen zum Thema zu haben: Erfahrungsberichte, Tests, nützliche Adressen, Infografiken und mehr.
Also warten Sie nicht länger!
CHF39.00
Oder abonnieren Sie direkt 8 Ausgaben!
CHF78.00

Loading

Teilen auf

Facebook

Weitere Artikel

So jung hatte ich nicht mit Krebs gerechnet

Wenn man sein ganzes Leben noch vor sich hat, kann es surreal oder sogar grausam erscheinen, wenn eine Krankenschwester mit einem unbeholfenen Lächeln sagt: «Sie haben Glück, Sie haben die richtige Krebs-art gewählt, denn Schilddrüsenkrebs ist gut behandelbar.» Denn auch wenn diese Krebsart oft eine gute Prognose hat, fühlt man sich in diesem Alter nicht bereit, sich mit diesem beängstigenden Wort auseinanderzusetzen. Denn es steht für Unsicherheit und Angst. Das empfand Magda, heute 39 Jahre alt, als die Diagnose gestellt wurde. Fünfzehn Jahre später, während sie ein Fotoalbum über ihre letzte 3500 km lange Reise durch Namibia vorbereitet, erzählt sie von ihrem Lebensweg, der von der Krankheit und dem Wunsch geprägt ist, weiterhin ein erfülltes Leben zu führen.

Loading

Mehr lesen »

Prostatakrebs: was jeder Mann wissen sollte

Obwohl Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung bei Männern ist, ist er immer noch mit vielen Vorurteilen verbunden. Dank Früherkennung und multidisziplinären Behandlungsmöglichkeiten haben sich die Aussichten auf Heilung für Betroffene erheblich verbessert. Entscheidend bleibt die richtige Aufklärung, die Männer dazu ermutigen soll, das Stigma rund um Prostatakrebs abzulegen und ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. In diesem Interview befragten wir Dr. med. Berardino De Bari, Leiter der Abteilung für Radioonkologie am Neuenburger Spitalnetzwerk.

Loading

Mehr lesen »

Geheimnisse eines erfüllten Senioren

Das Älterwerden ist ein natürlicher Prozess, der mit Optimismus und Energie angegangen werden kann – fernab von Klischees über den Verfall. Der 80-jährige Théo Siegrist, verrät uns heute, welche Gewohnheiten ihm dabei helfen, körperlich und geistig fit zu bleiben.

Loading

Mehr lesen »

Vasektomie: Ein bewusster Schritt… zur Familienplanung

Immer mehr Männer übernehmen aktiv Verantwortung bei der Familienplanung und entscheiden sich für eine Vasektomie. Auch Boris Kasper (41) hat diesen Schritt bewusst gewählt. In diesem Erfahrungsbericht schildert er, warum er sich für eine Vasektomie entschieden hat, wie er den Eingriff erlebt hat und was sich seither verändert hat. Seine Geschichte zeigt, dass der Entschluss gut überlegt sein sollte, aber kein Grund für Angst oder Tabus sein muss.

Loading

Mehr lesen »

Von der Müdigkeit zur Diagnose: HPV als abwendbares Schicksal 

Das humane Papillomavirus (HPV) ist eine der weltweit häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen, von der fast 90% aller Frauen und Männer mindestens einmal in ihrem Leben betroffen sind. In der Schweiz sind diese Viren für mehr als 99% der Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich, mit etwa 250 neuen Diagnosen pro Jahr bei Frauen und davon 80 Todesfällen. Angesichts dieser Tatsache bleibt die regelmässige Vorsorgeuntersuchung mittels Pap-Abstrich von entscheidender Bedeutung.1 Das BAG empfiehlt die HPV-Impfung im Alter von 11 bis 14 Jahren, damit die Impfung vor dem ersten Geschlechtsverkehr erfolgt und der Schutz optimal ist – doch auch danach lohnt sich eine Impfung für Mädchen und Frauen vor dem 26.2

Loading

Mehr lesen »