CGM: Revolution in der Behandlung von Typ-2-Diabetes

Dr. med. Vincent Guggi 
Medizinischer Co-Direktor des Centre
Médico-Chirurgical de la Broye

Für Millionen von Menschen mit Typ-2-Diabetes verändern Technologien wie kontinuierlich messende Glukosesensoren (CGM) den Umgang mit dieser Krankheit im Alltag. Wir haben Dr. med. Vincent Guggi, medizinischer Co-Direktor des Centre Médico-Chirurgical de la Broye und Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, zur Anwendung von CGM bei Patient:innen mit Typ-2-Diabetes befragt. | Adeline  Beijns

Wann empfehlen Sie als Allgemeinarzt die Anwendung eines CGM bei Patient:innen mit Typ-2-Diabetes?

Ich empfehle dies hauptsächlich in zwei Fällen. Erstens, wenn wir die Unterschiede zwischen Nüchternzuckerwerten und postprandialen Zuckerwerten nicht richtig verstehen oder wenn ein klares diagnostisches Interesse besteht, die Behand- lung zielgerichteter anzuwenden. Das hilft uns, ansonsten nicht sichtbare Zusammenhänge bei herkömmlichen Methoden zu erkennen. Der zweite Fall, der häufiger vorkommt, betrifft Patient:innen, die Insulin verwenden. Für sie ist CGM essenziell, um nächtliche Hypoglykämien zu vermeiden, die besonders gefährlich sein können. In solchen Situationen bietet CGM eine lebensrettende Echtzeitüberwachung.

Welche Veränderungen beobachten Sie bei Patient:innen, die CGM anwenden, insbesondere im Verständnis ihrer Krankheit und im Umgang mit ihrer Behandlung?

Auf diese Weise können sie sich der Schwankungen der Zuckerwerte, des glykämischen Index von Nahrungsmitteln und der potenziellen Hypoglykämien bewusst werden. Die Patient:innen gehen interaktiver mit ihrer Krankheit um: Sie verstehen besser, wie sich ihr Glukosespiegel im Laufe des Tages entwickelt, was ihre Therapietreue erhöht. Sie halten sich auch besser an ihre ärztlichen Verordnungen, weil sie die Auswirkungen ihrer Entscheidungen bei der Ernährung oder der körperlichen Bewegung direkt sehen können. 

Seit Januar 2026 wurden die Bedingungen für die Rückerstattung des CGM für Patient:innen gelockert. Welche Auswirkungen könnte dies auf die Patientenbetreuung haben?

Das erleichtert Ärzt:innen die Arbeit enorm. Früher war Diabetes manchmal nicht nachvollziehbar, und CGM war nicht für alle zugänglich. Die Patient:innen mussten sich mindestens sechsmal täglich (vor und nach jeder Mahlzeit) in die Fingerspitzen stechen, um den Zuckerspiegel zu messen. Das brachte logistische Herausforderungen mit sich: Man musste das Material immer dabei haben, was mühsam war. Mit einem CGM werden Patient:innen von diesem wiederholten Fingerstechen befreit. Sie müssen einfach notieren, was sie gegessen oder getan haben, und wir können dann die Entwicklung ihres Glukosespiegels kontinuierlich verfolgen. Dies ermöglicht eine genauere Langzeitüberwachung der Krankheit, eine bessere Anpassung der Therapien und schlussendlich eine effizientere und weniger belastende Behandlung für die Patient:innen.

Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, frühzeitig mit Diabetolog:innen zusammenzuarbeiten, auch wenn die Krankheit noch gut unter Kontrolle zu sein scheint?

Diabetes erfordert hoch spezialisiertes Wissen, und das Gebiet der Diabetologie entwickelt sich schnell weiter, sei es in Bezug auf Therapien oder Kontrollmethoden. Die frühzeitige Zusammenarbeit mit Diabetolog:innen ist wichtig, auch wenn die Erkrankung gut unter Kontrolle zu sein scheint, denn die therapeutische Aufklärung muss frühzeitig erfolgen. Diabetolog:innen haben oft ein medizinisches und paramedizinisches Team um sich (Pflegefachpersonen, Ernährungsberater:innen, Psycholog:innen), was eine ganzheitliche Betreuung der Patient:innen ermöglicht. Dies kann zukünftige Komplikationen reduzieren, sorgt von Anfang an für ein optimales Management und verhindert, dass sich Probleme schleichend verschlimmern.

Wie kann eine bessere Diabeteskontrolle dank neuer Technologien langfristig dazu beitragen, Komplikationen vorzubeugen und die Lebensqualität der Patient:innen zu verbessern?

Diese neuen Technologien wie CGM ermöglichen es Patient:innen, besser informiert, interaktiver und engagierter im täglichen Umgang mit ihrer Erkrankung zu sein. Dies führt zu einem besseren Management des glykierten Hämoglobins, das ein Schlüsselindikator für die Diabeteskontrolle über mehrere Monate ist. Infolgedessen ist ein signifikanter Rückgang von Komplikationen wie Herz-Kreislauf-, Nieren- oder neurologischen Problemen zu beobachten. Patient:innen werden selbstständiger, reduzieren unnötige Arztbesuche und verbessern ihre allgemeine Lebensqualität, indem sie weniger Angst vor ihrer Krankheit haben und sich sicherer fühlen.

Noch ein paar Worte zum Abschluss?

Die kontinuierliche Glukosemessung hat die Behandlung von Diabetes grundlegend revolutioniert. Dies ist ein Schritt auf dem Weg zu einer stärker personalisierten und kollaborativen Medizin, von der alle profitieren. 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Abonnieren Sie die Printversion von Gesundheitsecho, um Zugriff auf alle Informationen zum Thema zu haben: Erfahrungsberichte, Tests, nützliche Adressen, Infografiken und mehr.
Also warten Sie nicht länger!
CHF39.00
Oder abonnieren Sie direkt 8 Ausgaben!
CHF78.00

Loading

Teilen auf

Facebook

Weitere Artikel

Doppelter Kampf gegen Polyarthritis und interstitielle Lungenerkrankung

Die Geschichte des 74-jährigen René zeigt, wie man den Herausforderungen eines Lebens mit schweren chronischen Erkrankungen trotzen kann. Der aufgestellte Mann mit ansteckender Lebensfreude ist heute kinderloser Witwer und lebt trotz der Herausforderungen, die seine rheumatoide Arthritis und die interstitielle Lungenerkrankung an ihn stellen, einen aktiven Ruhestand. Seine Geschichte ist die eines unaufhörlichen Kampfes gegen Schmerz und Isolation, geprägt von persönlichen Verlusten und Siegen.

Loading

Mehr lesen »

Herzgesundheit im Fokus: Tipps für ein längeres Leben

Am 29. September 2024 wurde der Weltherztag gefeiert – ein Tag, der die Bedeutung eines gesunden Herzens durch Änderungen des Lebensstils betont. Angesichts der Tatsache, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Jahr 2022 die häufigste Todesursache in der Schweiz waren, ist die Pflege der Herzgesundheit wichtiger denn je. Dr. med. Carrie Ruxton, preisgekrönte

Loading

Mehr lesen »

Die versteckten Gefahren von Rhythmusstörungen

Vorhofflimmern ist eine der häufigsten Herzrhythmusstörungen, insbesondere bei älteren Menschen. Im Interview erläutern die Herzspezialisten Prof. Dr. Christian Sticherling vom Universitätsspital Basel und Prof. Dr. Tobias Reichlin vom Inselspital Bern die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten – von der Schlaganfallprävention bis hin zur innovativen Pulsed Field Ablation.

Loading

Mehr lesen »

Movember: mit Schnurrbartfür mehr Männergesundheit

Jedes Jahr im November lassen sich Männer weltweit einen Schnurrbart als Zeichen für die Männergesundheit wachsen. Was dahinter steckt und warum das Thema so wichtig ist, erklärt uns der Urologe Dr. med. Julian Cornelius, aus der Privatklinik Villa im Park, Rothrist, im Interview.

Loading

Mehr lesen »

Wettlauf zur Toilette

Clara, 47, Mutter zweier Teenager, arbeitet Teilzeit in einer Marketingagentur. Mit Anfang 20 erhielt sie die Diagnose Multiple Sklerose (MS) – ein harter Schlag, der sie jedoch nicht davon abhielt, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Heute lebt sie auf dem Land, wo die Natur ihr Kraft gibt.

Loading

Mehr lesen »