Dank pulmonaler Rehabilitation wieder richtig durchatmen

Prof. Dr. Jean-paul Janssens
Nicolas Beau

Kurzatmigkeit, Atemnot bei der geringsten Anstrengung, soziale Isolation: Mit diesen Schwierigkeiten haben viele Menschen zu kämpfen, die an chronischen Atemwegserkrankungen leiden. Die pulmonale Rehabilitation bietet eine angepasste und multidisziplinäre Lösung, die nicht nur die Atmung verbessert, sondern auch die damit verbundenen Einschränkungen verringert und die Resozialisierung der Patienten fördert. Um die Besonderheiten dieser Therapie besser zu verstehen, haben wir uns mit Professor Jean-Paul Janssens, Lungenspezialist und Leiter des Programms für ambulante pulmonale Rehabilitation am Hôpital de La Tour, und Nicolas Beau, Physiotherapeut und Mitverantwortlicher desselben Programms, getroffen. | Adeline Beijns

Nicolas Beau, könnten Sie uns bitte einfach erklären, was pulmonale Rehabilitation ist und an wen sie sich genau richtet?

Die pulmonale Rehabilitation ist ein umfassendes und personalisiertes Programm, das darauf abzielt, die Lebensqualität zu verbessern und die mit chronischen Atemwegserkrankungen verbundenen Einschränkungen zu verringern.

Die multidisziplinäre Behandlung umfasst angepasste körperliche Übungen, eine Ernährungs- sowie Raucherberatung, sie vermittelt ein besseres Verständnis der Krankheit, um die Lebensgewohnheiten entsprechend anzupassen und bietet auch psychologische Unterstützung. Diese Therapie richtet sich an Patienten mit Atemwegserkrankungen wie chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD), schwerem Asthma, Bronchiektasen oder Lungenfibrose sowie an Patienten, die sich von einer schweren Lungeninfektion oder einer Thoraxoperation erholen.

In der Schweiz leiden 400’000 Menschen an COPD, aber weniger als 1% von ihnen erhalten derzeit eine pulmonale Rehabilitation, obwohl dieser Ansatz ihre Lebensqualität erheblich verbessern könnte. Die Sensibilisierung für die pulmonale Rehabilitation stellt somit eine grosse Herausforderung für die öffentliche Gesundheit dar.

Was sind die wichtigsten Vorteile, die bei Patienten beobachtet werden, die sich einer pulmonalen Rehabilitation unterziehen?

Die Vorteile sind zahlreich und signifikant: deutliche Verringerung der Kurzatmigkeit, Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit und Unabhängigkeit im Alltag, Verringerung des sozialen Isolationsgefühls, Verbesserung von Angststörungen und/oder Depressionen und insgesamt eine bessere Lebensqualität. Die Rehabilitation hilft auch dabei, das Selbstvertrauen wiederherzustellen und die Resozialisierung der Patienten zu fördern, indem sie ihnen ermöglicht, wieder ein aktives und soziales Leben zu führen.

Welche Techniken und Übungen werden in der pulmonalen Rehabilitation konkret praktiziert?

Wir bieten verschiedene Übungen an, z. B. Ausdaueraktivitäten (Radfahren, Gehen), gezielte Muskelstärkung sowie spezielle Atemtechniken. Wir integrieren auch spielerisch angepasste körperliche Aktivitäten wie Boxen, Tischtennis und vom Yoga inspirierte Übungen, um den therapeutischen Ansatz zu diversifizieren. Ein Ergospirometrietest wird durchgeführt, um die Fähigkeiten des Patienten genau zu beurteilen und das Programm entsprechend anzupassen.

Gibt es besondere Vorsichtsmassnahmen oder Kontraindikationen, die man beachten sollte, bevor man mit einer pulmonalen Rehabilitation beginnt?

Vorsicht ist geboten bei: klinischer Instabilität, schweren Herzstörungen, akuten Atemwegsinfektionen, schweren orthopädischen Störungen, aber auch schweren kognitiven oder psychiatrischen Störungen. Vor und während der Behandlung wird dann systematisch eine umfassende medizinische Beurteilung durchgeführt, wobei manchmal Neubewertungen erforderlich sind, um die Behandlung anzupassen.

 

Welche praktischen Ratschläge können Sie Patienten geben, um ihre Atmung zu verbessern und den täglichen Atemkomfort zu erhöhen?

Regelmässige angepasste körperliche Aktivität, auch leichte körperliche Aktivität wie ein täglicher Spaziergang, ist von entscheidender Bedeutung. Schliesslich ist ein gesunder Lebensstil mit Raucherentwöhnung und einer ausgewogenen Ernährung von entscheidender Bedeutung, um die Atemfunktion so gut wie möglich zu erhalten. 

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