Zwischen Vorstellung und Realität: Wie Fantasien unser Leben bereichern

Fantasien

Sexuelle Fantasien sind ein faszinierendes Fenster in die Welt unserer Sehnsüchte und Vorstellungen, trotzdem bleiben sie häufig ein Tabuthema. Weshalb also werden sie so selten angesprochen, obwohl sie fester Bestandteil der menschlichen Sexualität sind? Um diese wichtige Komponente des persönlichen Wachstums und der sexuellen Gesundheit aufzuklären, hatten wir das Vergnügen, Dr. med. Lakshmi Waber, Facharzt FMH für Psychiatrie und Sexologe, Präsident und Ausbildungsleiter der Schweizerischen Gesellschaft für Sexologie, zu treffen. Machen Sie sich bereit, einen wesentlichen Aspekt der menschlichen Sexualität zu entdecken, der mehr Verständnis und Wertschätzung verdient. Von Adeline Beijns

Welche Rolle spielen sexuelle Fantasien beim persönlichen Wachstum und der allgemeinen sexuellen Gesundheit?

Sexuelle Fantasien sind von zentraler Bedeutung für das persönliche Wachstum, da sie die Möglichkeit bieten, die eigenen Wünsche ohne Einschränkungen oder Urteile zu erforschen. Es ist wichtig klarzustellen, dass es (mindestens) zwei Arten von Fantasien zu unterscheiden gibt: die der Alltagssprache, die mit mehr oder weniger realisierbaren Wünschen vergleichbar ist und diejenige, die eine intimere Seite des Individuums widerspiegelt, die nicht in die Realität umgesetzt werden kann und auch nicht umgesetzt werden sollte. In der Umgangssprache wird eine Fantasie oft als starker Wunsch wahrgenommen, der erfüllt werden soll, obwohl er nicht realisierbar ist.

Somit bieten Fantasien einen Freiraum, der oft sicherer ist als die Realität, in dem Menschen ohne externen Druck Szenarien erkunden können, die sie erregen oder stimulieren. Indem sich die Menschen mit ihren tiefsten Wünschen auseinandersetzen, können sie ihre Bedürfnisse und Erwartungen auf emotionaler und körperlicher Ebene besser verstehen. Fantasien tragen dazu bei, die Libido zu stärken, die Vorstellungskraft anzuregen und eine gesunde Neugier im Sexualleben zu erhalten – alles wesentliche Elemente für eine erfüllte Sexualität. Sie können zudem als psychologisches Sicherheitsventil fungieren, welches es ermöglicht, Spannungen und Frustrationen abzubauen, ohne negative Folgen in der Realität zu befürchten.

Wie beeinflussen sexuelle Fantasien die Paarbeziehung?

Fantasien können sich positiv auf die Paarbeziehung auswirken, wenn sie mit Wohlwollen und Offenheit geteilt werden. Das Teilen von Fantasien kann eine Art sein, die Intimität zu vertiefen und die Bindung zum Partner oder zur Partnerin zu stärken. Dies kann den Weg für Gespräche über gegenseitige Bedürfnisse und Wünsche ebnen und dem Paar ermöglichen, gemeinsam neue Dimensionen ihrer Sexualität zu erforschen. Allerdings ist es auch wichtig, die Grenzen des anderen zu respektieren und die eigenen Fantasien nicht aufzuzwingen.

Doch nicht alle Fantasien lassen sich teilen, sei es, weil sie zu persönlich sind oder beim Partner oder der Partnerin Unbehagen auslösen können. Ausserdem sind nicht alle Fantasien realisierbar und es ist wichtig, klar zwischen dem, was Fantasie ist, und dem, was in die Tat umgesetzt werden kann, zu unterscheiden, ohne dem Gleichgewicht des Paares oder des Einzelnen zu schaden. Eine schlechte Kommunikation über dieses Thema kann Spannungen verursachen, insbesondere wenn sich einer der Partner verurteilt oder missverstanden fühlt.

Wie wichtig ist es, dem Partner/der Partnerin seine/ihre Fantasien mitzuteilen?

Es kann sehr bereichernd sein, seine Fantasien zu kommunizieren, doch dies ist nicht immer einfach, da das Thema oft mit Scham oder Angst vor Beurteilung behaftet ist. Es ist wichtig daran zu erinnern, dass Fantasien zutiefst persönliche Empfindungen sind und es nicht immer sinnvoll ist, sie mit anderen zu teilen. Die Fantasie einer anderen Person zu verstehen kann schwierig sein, insbesondere wenn sie aus ihrem emotionalen und persönlichen Kontext herausgelöst wird. Wenn die Kommunikation gut funktioniert, kann sie die Intimität stärken, die emotionale Bindung vertiefen und zu einer abwechslungsreicheren sowie bereichernden sexuellen Dynamik führen.

Das Teilen von Fantasien kann ebenfalls dabei helfen, die Bedürfnisse des Partners oder der Partnerin besser zu verstehen und bietet dabei eine gute Grundlage, neue Wege der gegenseitigen Befriedigung auszuloten. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass nicht jede Fantasie verwirklicht werden muss, um Vergnügen zu bereiten. Manchmal genügt es schon, darüber zu sprechen oder die Fantasie persönlich zu nähren, um die Verbindung des Paares zu bereichern, anregende Gespräche zu führen und die Leidenschaft zu entfachen.

Müssen Fantasien immer auf Vorstellungsebene bleiben oder ist es gesund, sie zu verwirklichen?

Manche Fantasien können verwirklicht werden, wenn beide Partner einverstanden sind, sich mit der Idee wohlfühlen und bereit sind, darüber zu sprechen. Das Ausleben von Fantasien kann Neuerungen und Spontanität mit sich bringen und die Vertrautheit eines Paares stärken. Allerdings ist es entscheidend sich zu erinnern, dass Fantasien und Sehnsüchte zwei unterschiedliche Dinge sind. Eine Fantasie ist oft eine Erweiterung des Imaginären, die gerade deshalb sehr aufregend sein kann, weil sie im Bereich der Fiktion bleibt. Das Ausleben einer Fantasie kann manchmal enttäuschend sein oder sogar Unbehagen hervorrufen, da man die Welt der Fantasie verlässt und in die Realität eintritt, wo die Erwartungen möglicherweise nicht mit der tatsächlichen Erfahrung übereinstimmen.

Nicht alle Fantasien sind dazu bestimmt, in die Realität umgesetzt zu werden. Es ist daher wichtig, sorgfältig abzuwägen, ob die Umsetzung wirklich Vergnügen bringt oder ob sie die persönlichen Grenzen oder die der Beziehung überschreiten könnte. Einige Fantasien vermitteln ein Gefühl von grösserer Sicherheit, wenn sie im Bereich des Imaginären bleiben. Sie können Anlass zu Befriedigung und Erregung geben, ohne potenzielle Komplikationen und Enttäuschungen, die mit der tatsächlichen Umsetzung einhergehen.

Können sexuelle Fantasien als Anzeichen für tiefere Bedürfnisse oder Wünsche interpretiert werden?

Absolut. Manchmal können Fantasien unbewusste Wünsche oder unerfüllte Bedürfnisse im Alltag widerspiegeln, sowohl sexuelle als auch nicht sexuelle. Beispielsweise können wiederkehrende Fantasien von Kontrolle und Unterwerfung auf ein Bedürfnis hindeuten, andere Machtdynamiken zu erkunden als die, die man gewöhnlich erlebt. Fantasien müssen nicht immer wörtlich genommen werden, aber sie können Hinweise darauf liefern (die im Rahmen einer psychotherapeutischen Begleitung besser verstanden werden können), wonach eine Person in Bezug auf Sicherheit, Neuerungen und Intensität sucht.

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