Sexualität ohne Tabus: Aufklärung rund ums Schlafzimmer

Le combat d’Hélène contre la polyarthrite rhumatoïde
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Ach, die Sexualität! Ein faszinierendes Thema, das oft von Mythen und Geheimnissen umgeben ist. Von der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs über die Grösse des Penis bis hin zu den unrealistischen Erwartungen, die durch Pornografie geschaffen werden, kursieren in unserer Gesellschaft zahlreiche Missverständnisse. Doch wie sieht die Realität aus? Um Wahrheit und Fiktion zu trennen, haben wir den Experten Dr. Lakshmi Waber befragt, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, Ausbilder bei der Schweizerischen Gesellschaft für Sexualwissenschaften und am Internationalen Diplom für Klinische Sexologie (DISCI), sowie Direktor der WISAH und dem Swiss Institute of Sexology. Von Adeline Beijns

 

Ein weit verbreiteter Mythos besagt, dass Paare häufig Sex haben müssen, um glücklich zu sein. Was denken Sie darüber?

Die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs ist ein subjektiver Indikator für das Wohlbefinden eines Paares und variiert stark von Paar zu Paar. Alter, Gesundheit und Kultur beeinflussen die Häufigkeit erheblich. Ein verbreiteter Mythos ist, dass ein wöchentlicher Geschlechtsverkehr für das körperliche und physiologische Wohlbefinden erforderlich sei.

Aber in Wirklichkeit sind einige Paare mit häufigem Sex glücklich, andere mit weniger, und das ist vollkommen normal, denn Lust und Verlangen sind bei jedem Paar anders. Was wirklich zählt, ist die Qualität der intimen Beziehungen und die Bedeutung, die die Sexualität innerhalb des Paares einnimmt. Offene Kommunikation und das Verständnis der Bedürfnisse und Wünsche des Partners sind weitaus wichtiger als die blosse Anzahl der Geschlechtsakte.

Haben Männer und Frauen unterschiedliche Bedürfnisse in Bezug auf die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs?

Heutzutage fühlen sich Männer und Frauen freier, ihre Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken. Obwohl Unterschiede existieren, weichen wir zunehmend von den traditionellen Mustern ab, die besagen, dass Männer häufiger den Wunsch nach Geschlechtsverkehr haben. Diese Überzeugung ist heute nicht mehr ganz aktuell, da jeder frei ist, nach Belieben zu begehren.

Hat die Grösse des Penis wirklich einen Einfluss auf die sexuelle Zufriedenheit?

Sie wird oft als Schlüsselfaktor für die sexuelle Zufriedenheit angesehen, spielt jedoch in Wirklichkeit eine viel geringere Rolle als man denkt. Natürlich gibt es anatomische Probleme wie Mikropenis, bei denen es echte sexuelle Schwierigkeiten geben kann, aber die sexuelle Zufriedenheit hängt von vielen Faktoren ab: Dazu gehören die emotionale Bindung, die Kommunikation und das Eingehen auf die Wünsche des Gegenübers.

Die Forschung auf diesem Gebiet zeigt eher, dass die Kompatibilität zwischen den Partnern entscheidend ist. Auch die Beckenbodenmuskulatur/Vaginaltonus spielen eine Rolle in der Qualität der Beziehungen und der Anpassungsfähigkeit zwischen Partnern.

Gibt es sexuelle Praktiken, die als abnormal gelten, in Wirklichkeit aber verbreitet und ungefährlich sind?

Viele sexuelle Praktiken werden als tabu oder abnormal angesehen, sind aber in Wirklichkeit weit verbreitet und ungefährlich, solange sie einvernehmlich und sicher praktiziert werden. Zum Beispiel werden BDSM (Bondage, Disziplin, Dominanz, Unterwerfung, Sadismus und Masochismus) und Analsex oft missverstanden, können aber für diejenigen, die sie mit Zustimmung und gegenseitigem Respekt praktizieren, eine bereichernde Erfahrung sein. Der Schlüssel ist immer offene Kommunikation und gegenseitiger Genuss.

Die Masturbation ist oft von vielen Mythen umgeben. Kann sie negative Auswirkungen auf unsere sexuelle Gesundheit haben?

Auch wenn sie in vielen Kulturen und Religionen abgelehnt und verbannt wurde, ist sie nicht gesundheitsschädlich. Tatsächlich ist sie eine normale und gesunde Praxis. Sie ermöglicht es, den eigenen Körper, die eigenen Wünsche und die eigenen sexuellen Reaktionen besser zu verstehen. Sie kann eine Art «persönliches Labor» sein, das hilft, sich selbst besser kennenzulernen. Masturbation kann auch dazu beitragen, Angst und Stress abzubauen, den Schlaf zu verbessern und die sexuelle Gesundheit im Allgemeinen zu stärken.

Kann sie Vorteile für die sexuelle Gesundheit haben?

Absolut, die Masturbation hat viele Vorteile für die sexuelle Gesundheit. Sie hilft, sexuelle Spannungen abzubauen, das Wissen über den eigenen Körper zu vertiefen und die sexuellen und emotionalen Erfahrungen zu verbessern. Für viele ist sie auch eine Möglichkeit, sich zu entspannen und ohne Druck Freude zu erleben.

Welche Tipps geben Sie Paaren, um ihre sexuelle Kommunikation zu verbessern?

Um die sexuelle Kommunikation zu verbessern, ist es wichtig, ein Umfeld des Vertrauens und der emotionalen Sicherheit zu schaffen. Offen über Wünsche, Grenzen und Bedenken zu sprechen, ohne zu urteilen, ist ein guter Anfang. Ebenso wichtig ist es, aktiv auf die Bedürfnisse und Wünsche des Partners zu hören und dabei aufmerksam zu sein und eine Atmosphäre der Erforschung und Diskussion zu fördern. Transparenz ist der Schlüssel: Ehrlich und direkt in der Kommunikation zu sein, hilft, Missverständnisse zu vermeiden und Erwartungen zu klären.

Wie beeinflusst die Pornografie unsere sexuellen Erwartungen?

Die Pornografie kann unrealistische Erwartungen in Bezug auf Sex schaffen, sowohl in Bezug auf die Leistung als auch auf die Anatomie. Sie kann den Eindruck erwecken, dass bestimmte sexuelle Leistungen die Norm sind, obwohl sie für die meisten Menschen keine empfehlenswerte sexuelle Erfahrungen darstellen und eher unrealistisch sind.

Pornografische Szenen sind inszeniert und spiegeln nicht die Realität des Sexuallebens wider. Auch wenn Pornografie für ein Paar von Vorteil sein kann, besteht die Gefahr, dass man sich sexuell nur noch von ihr ernährt, was zu Leistungsdruck, Beziehungsproblemen und anderen sexuellen Problemen führen kann.

Welche Mythen werden durch die Pornografie verbreitet und wie können sie entkräftet werden?

Die Pornografie vermittelt viele Mythen, und es ist wichtig, diese zu entlarven, um die Realität der Sexualität zu verstehen. Einer der Hauptmythen ist, dass diese inszenierten Szenen die Realität darstellen. Pornografie zeigt oft ununterbrochene und perfekte sexuelle Leistungen, was nicht realistisch ist. In Wirklichkeit beinhaltet Sexualität Momente der Erkundung und des gegenseitigen Lernens.

Ein weiterer Mythos betrifft das äussere Erscheinungsbild. Pornodarsteller: innen haben oft hypersexualisierte und hyperathletische Körper, die sehr spezifischen Schönheitsstandards entsprechen, was bei den Zuschauer: innen zu Komplexen führen kann. Die Pornografie vermittelt auch die Vorstellung, dass bestimmte sexuelle Praktiken die Norm sind und dass man danach streben sollte, obwohl sie nicht repräsentativ sind.

Um diese Mythen zu entkräften, ist es wichtig, offen mit dem Partner oder der Partnerin über Erwartungen und Grenzen zu sprechen. Das Verständnis, dass Pornografie eine fiktive und oft übertriebene Darstellung von Sexualität ist, kann helfen, die eigenen Erwartungen anzupassen und sich auf authentische und befriedigende sexuelle Erfahrungen zu konzentrieren.

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