Wenn das Knie plötzlich streikt

Damian ist 35, kommt aus dem Wallis und liebt die Berge. Während seiner Zeit in Kanada waren lange, intensive Wanderungen mit seiner Partnerin Céline fester Bestandteil des Alltags. Häufig ging es ohne Aufwärmen direkt in die Steigung. Rauf auf den Gipfel, kurz innehalten, die Aussicht geniessen und dann wieder bergab. An einem dieser Tage sollte sich etwas ändern. | Noémie Aeschlimann

Ein plötzlicher Schmerz mitten in der Wanderung

«Es war eine grosse Tour mit viel Höhenunterschied. Der Aufstieg lief gut, oben hatten wir eine fantastische Aussicht, doch beim Abstieg begann es plötzlich: Ein stechender, fieser Schmerz an der Aussenseite meines linken Knies, knapp oberhalb der Kniescheibe.» Mit jedem Schritt wurde es schlimmer. Nach wenigen Minuten konnte Damian kaum noch auftreten. Ohne Wanderstöcke griff er sich zwei Äste und humpelte damit über eine Stunde ins Tal hinunter. Doch überraschenderweise war vom Schmerz schon zwei Tage später nichts mehr zu spüren.

Einen Monat später, ausgerüstet mit neuen Schuhen, Wanderstöcken und voller Motivation, stand Damian wieder am Fuss eines ähnlichen Berges. Kaum war er auf halber Höhe, spürte er dieselben Schmerzen, doch diesmal schon beim Aufstieg. Widerwillig blieb ihm nichts anderes übrig, als die Wanderung abzubrechen. «Ich wusste: Wenn ich jetzt weitermache, wird es wieder richtig schlimm.» Die Frustration war gross, die Unsicherheit noch grösser.

Das Läuferknie-Syndrom

Was Damian erlebte, ist ein Klassiker in der Sportmedizin: das sogenannte Tractus-iliotibialis-Syndrom, auch bekannt als das Läuferknie. Diese Erkrankung ist eine Überlastungsverletzung, die häufig bei Ausdauersportler:innen auftritt. Das Iliotibialband ist ein faseriges Band, das sich von der Hüfte bis zum Schienbein erstreckt. Während der Beugung und Streckung gleitet es über eine knöcherne Erhebung am Oberschenkel. Kommt es dabei über längere Zeit zu Reibung, etwa beim Bergablaufen, kann sich das umliegende Gewebe entzünden. Die Folge ist ein stechender Schmerz, der typischerweise an der Aussenseite des Knies während der Bewegung auftritt. Eine ärztliche Diagnose wird in der Regel anhand der typischen Beschwerden gestellt. Der Schmerz lässt sich oft gut provozieren, etwa durch Druck auf die betroffene Stelle oder bestimmte Bewegungen. Häufig ist zudem eine leichte Schwellung an der Aussenseite des Knies zu erkennen. Bildgebende Verfahren wie ein MRT sind meist nur nötig, wenn andere Ursachen ausgeschlossen werden sollen. Damian verzichtete damals auf einen Arztbesuch. Stattdessen versuchte er, das Problem selbst zu lösen, mit entzündungshemmenden Cremes, Schonung und schliesslich einer langen Trainingspause.

Die richtige Einstellung

Im Nachhinein hat er vieles richtig gemacht. Denn was beim Läuferknie in der akuten Phase am meisten hilft, ist Geduld. Nur durch die Reduktion der Belastung kann sich die entzündete Struktur beruhigen. Damian wartete vier bis fünf Monate, bevor er sich wieder an eine Wanderung wagte. Diesmal ging er es langsamer an, mit adäquatem Schuhwerk, Wanderstöcken und regelmässigen Pausen. Auch das Aufwärmen vor dem Start wurde zur neuen Gewohnheit.

Seine Erfahrung zeigt, wie entscheidend Prävention und Selbstbeobachtung bei wiederkehrenden Schmerzen sind. Das Läuferknie trifft oft Menschen, die motiviert sind, ihre Grenzen zu verschieben, doch genau darin liegt die Gefahr. Eine Kombination aus unzureichender Vorbereitung, ungeeignetem Schuhwerk oder einer zu schnellen Steigerung der Trainingsbelastung kann die Entstehung des Syndroms begünstigen. Auch körperliche Faktoren wie eine leichte O- oder X-Bein-Stellung, eine ungünstige Fussform oder eine schwache Oberschenkelmuskulatur, insbesondere an der Innenseite, spielen dabei häufig eine Rolle.

Eine wertvolle Lektion

Für Damian war die wichtigste Erkenntnis: auf den eigenen Körper zu hören. «Ich habe gelernt, dass Schmerz nicht immer sofort behandelbar ist. Manchmal braucht es einfach Geduld und die Bereitschaft, sein Verhalten zu ändern.» Heute ist er wieder unterwegs in den Bergen, mit mehr Achtsamkeit, besserem Equipment und dem Wissen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, rechtzeitig einen Schritt zurückzumachen. 

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