
Psychiater, Sexologe und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sexologie
In einer Gesellschaft, in der Schönheitsideale, Leistungsdruck und die äussere Erscheinung nach wie vor einen grossen Einfluss auf die weibliche Intimität haben, fragen sich viele Frauen: Ist mein Körper «normal»? Ist mein Vergnügen legitim? Wie finde ich nach einer schwierigen Zeit wieder zu einem ausgeglichenen Verhältnis zu mir selbst? Um diese Fragen einfühlsam und fachkundig zu beantworten, haben wir uns mit Dr. med. Lakshmi Waber getroffen, Psychiater, Sexologe und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sexologie. In diesem Interview teilt er seine Erfahrungen aus der Praxis und gibt konkrete Ratschläge, wie man eine authentische und körperbewusste sexuelle Erfüllung erreichen kann. | Adeline Beijns
Welches Vorurteil zum Thema Intimgesundheit überrascht Sie in Ihrer Praxis am meisten?
Was mich am meisten überrascht, ist die weit verbreitete Vorstellung, dass die weiblichen Genitalien eine bestimmte Form oder einen bestimmten Geruch haben sollten. Viele Frauen kommen mit dem Wunsch, einem ästhetischen oder olfaktorischen Ideal zu entsprechen, das sie sich als normal vorstellen. In der Praxis sehe und höre ich jedoch tagtäglich, wie gross die natürliche Vielfalt weiblicher Körper ist. Dieser Druck zur Vereinheitlichung führt oft zu unnötiger Unzufriedenheit und entfremdet Frauen von ihrem eigenen Körper. Diese unrealistischen Normen werden weitgehend durch Darstellungen in Medien, Werbung und Pornografie genährt, die ein einziges, retuschiertes Idealbild verbreiten. In meinen Sprechstunden weise ich stets darauf hin, dass diese anatomische und olfaktorische Vielfalt nicht nur normal ist, sondern ein wesentlicher Bestandteil der sexuellen Identität jeder Frau. Den eigenen Körper so zu akzeptieren, wie er ist, ist oft der erste Schritt zu einer freieren, selbstbewussteren und wahrhaft erfüllten Sexualität.
Hat der derzeitige Trend zur vollständigen Enthaarung Auswirkungen auf die gynäkologische Gesundheit oder die sexuelle Empfindsamkeit?
Es kann indirekte Auswirkungen geben. Die Schambehaarung hat eine schützende Funktion: Sie trägt dazu bei, das Feuchtigkeits- und Wärmegleichgewicht im Intimbereich aufrechtzuerhalten, und bildet eine natürliche Barriere gegen bestimmte Reizungen oder Infektionen. Auch in sensorischer Hinsicht sind Haare wichtige Elemente der Empfindsamkeit, und ihre vollständige Entfernung kann daher zu einem Verlust an sensorischer Vielfalt führen. Letztendlich ist dies jedoch vor allem eine Frage der persönlichen Vorlieben. Für viele ist diese Praxis Teil ihrer erotischen Fantasien, sei es für sich selbst oder für ihre Partner:innen.
Wie helfen Sie einer Frau, nach einem Trauma oder einer langen Zeit medizinisch bedingter Enthaltsamkeit wieder Zugang zu ihrem Körper zu finden?
Es gibt kein Patentrezept, denn jeder Weg ist zutiefst persönlich und hängt von eventuellen Verletzungen (Brust, Genitalbereich oder andere Organe, die die Sexualität beeinträchtigen) sowie von den individuellen Ressourcen ab. Das Grundprinzip besteht darin, den Körper als Ganzes, einschliesslich der betroffenen Bereiche, wieder einzubeziehen. Oft beginnt man mit einfachen und peripheren Ansätzen, sowohl auf körperlicher Ebene als auch in der Vorstellung. Anschliessend arbeitet man daran, den Alltag durch Literatur, Kino oder sensorische Praktiken wieder zu erotisieren.
Wenn bereits vor dem Trauma sexuelle Schwierigkeiten bestanden, gehen wir die persönliche Geschichte und das sexuelle Selbstbild der Frau noch einmal durch. Dieser Prozess erfordert Zeit und Geduld: Es handelt sich um eine echte Begleitung, bei der die Frau Schritt für Schritt und ohne Druck wieder lernt, ihrem Körper zu vertrauen. Das oberste Ziel besteht darin, diese Wiederaneignung zu einer positiven und befreienden Erfahrung zu machen, bei der Sexualität wieder zu einer Quelle der Freude und Lebenskraft wird und nicht länger eine schmerzhafte Erinnerung bleibt.
Wir erleben derzeit einen regelrechten Boom bei Sexspielzeug, insbesondere bei «Klitoris-Saugern». Ist dies ein Fortschritt für die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen oder birgt es Risiken?
Das hängt ganz von der Herangehensweise ab. Werden diese Geräte zur Bereicherung oder zur Erforschung der eigenen Sexualität genutzt, können sie sehr positiv sein und die Selbstbestimmung fördern. Ein Risiko entsteht, wenn sie eine:n Partner:in vollständig ersetzen oder wenn sich die Frau an eine ganz bestimmte, intensive Stimulation gewöhnt. In diesem Fall kann eine Art Abhängigkeit entstehen, die die Rückkehr zu anderen Formen der Zärtlichkeit und abwechslungsreicheren Stimulationen erschwert. In solchen Fällen muss man wieder lernen, ein breiteres Spektrum an Empfindungen zu geniessen.
Immer mehr Frauen setzen die Pille aus gesundheitlichen Gründen ab. Was beobachten Sie in Ihrer Praxis hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen hormoneller Verhütung, Lubrikation und sexuellem Verlangen?
Die Auswirkungen sind von Frau zu Frau sehr unterschiedlich. Sie hängen von der Art der Pille, dem Alter, der sexuellen Erfahrung und vor allem von der Qualität der Paarbeziehung und der emotionalen Bindung ab. Bei manchen Frauen kann die hormonelle Verhütung das Verlangen, die Erregung, die natürliche Lubrikation oder die Empfindungen beeinflussen. Ein Wechsel der Verhütungsmethode kann manchmal dazu beitragen, bestimmte Empfindungen wiederzuerlangen, aber es gibt keine allgemeingültige Regel. Jede Situation muss individuell beurteilt werden. Es ist daher äusserst wichtig, offen mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt darüber zu sprechen, um gemeinsam Alternativen zu finden, die am besten zum eigenen Körper und Lebensstil passen. Dieser Ansatz ermöglicht es oft, wieder eine harmonischere Verbindung zu den eigenen natürlichen Bedürfnissen herzustellen, ohne Schuldgefühle oder unnötige Frustration.
Über die Einwilligung zwischen den Partner:innen hinaus betonen Sie die Achtung der eigenen körperlichen Grenzen. Wie kann man einer Frau helfen, auf die Signale ihres Körpers (Schmerzen, Unbehagen, mangelnde Lust) zu hören, wenn sie dem Druck, sexuelle Leistung zu erbringen, ausgesetzt ist?
Die Leistungserwartungen haben sich gewandelt. Heute gibt es zahlreiche Bewegungen und Veröffentlichungen, die das Recht auf eine andere Art von Sexualität oder sogar auf die Abwesenheit von Sexualität in bestimmten Momenten verteidigen. In meiner Praxis legen manche Menschen nach wie vor grossen Wert auf Leistung, während andere vor allem nach einer Sexualität suchen, die wirklich zu ihnen passt.
Das Wichtigste ist, zu lernen, die eigenen Wünsche und Grenzen zu erkennen – jenseits von Schmerzen oder Unbehagen. Sex muss nicht immer gleich ablaufen und muss auch nicht zwangsläufig mit einem Orgasmus enden. Was zählt, ist, dass man innerhalb der Partnerschaft lernt, Freiheit zu leben und die Grenzen des anderen zu respektieren. Indem sie dieses wohlwollende Zuhören pflegen, entdecken viele Frauen die Lust auf eine gelassene Weise wieder.
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