Neue Wege in der kardiovaskulären Prävention

Prof. Dr. med. Christian Sticherling
Leiter der Elektrophysiologie am Universitären Herzzentrum am Universitätsspital Basel

Moderne Technologien verändern die Kardiologie rasant. Wearables ermöglichen die frühzeitige Erkennung von Rhythmusstörungen, künstliche Intelligenz verbessert die Risikostratifizierung und die interdisziplinäre Zusammenarbeit gewinnt an Bedeutung. Prof. Dr. med. Christian Sticherling, Leiter der Elektrophysiologie am Universitären Herzzentrum am Universitätsspital Basel, spricht über die aktuellen Entwicklungen in der Prävention und Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen. | Noémie Aeschlimann

Bei der Betreuung von Patient:innen mit hohem kardiovaskulärem Risiko: Welchen Mehrwert sehen Sie im Einsatz von kardialem Monitoring für die frühzeitige Erkennung von Ereignissen und die schnellere Anpassung der Therapie?

Ein wichtiges Einsatzgebiet des kardialen Monitorings liegt bei Patient:innen mit erhöhtem Risiko für Vorhofflimmern. Mithilfe von Wearables, etwa Smartwatches, oder EKG-patches, die 14 Tage getragen werden, lassen sich diese Rhythmusstörung frühzeitig erkennen. Besonders bei Personen mit hohem Risiko für Vorhofflimmern und Schlaganfall kann der Einsatz solcher Geräte entscheidend sein, um rechtzeitig eine Antikoagulation einzuleiten und Komplikationen zu verhindern.

Zudem ermöglichen Wearables bereits heute die Erfassung von Herzfrequenzvariabilität oder Anzeichen arterieller Hypertonie. Zwar ersetzen sie noch keine klassische Blutdruckmessung, doch die Technik entwickelt sich rasch, und bald dürften auch Blutdruckwerte zuverlässig erfasst werden, was ein umfassenderes Monitoring erlaubt.

Diabetische Patient:innen haben ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen. Wie integrieren Sie die kardiometabolische Dimension in Ihren klinischen Alltag?

Die Behandlung von Patient:innen mit Typ-2-Diabetes ist heute ohne Berücksichtigung des kardiovaskulären Risikos kaum denkbar. Die enge Zusammenarbeit zwischen Kardiologie, Diabetologie und Nephrologie ist entscheidend, um ein ganzheitliches Bild zu erhalten, von glykämischen Zielwerten über die korrekte Einstellung des Cholesterinwertes bis zur Blutdruckkontrolle. Pharmakologisch setzen wir auf Substanzen mit metabolischen und kardioprotektiven Effekten, die Blutzucker und kardiovaskuläres Risiko senken, und deren Nutzen für Herz und Niere gut belegt ist. In Kombination mit konsequenter Blutdruckoptimierung und Optimierung der weiteren Risikofaktoren, insbesondere der korrekten Einstellung der Blutfettwerte, schützt diese Therapie das gesamte kardiorenale System über die Glukosekontrolle hinaus.

Welche Innovationen oder multidisziplinären Strategien erachten Sie als besonders wirksam, um den Behandlungspfad komplexer Patient:innen zu optimieren?

In der Versorgung von Patient:innen mit mehreren chronischen Erkrankungen braucht es eine enge Abstimmung zwischen Hausärzt:innen, Kardiolog:innen, Diabetolog:innen und Nephrolog:innen. Heute geschieht das meist über Arztberichte, doch das ist oft zu langsam und unübersichtlich.

Ein echter Fortschritt wäre eine durchgängig nutzbare elektronische Patientenakte, die Laborwerte, Diagnosen und Behandlungspläne verschiedener Fachrichtungen zusammenführt. So könnten Therapieentscheidungen besser abgestimmt werden. Wichtig sind dabei auch klar definierte Abläufe und standardisierte Protokolle, um die interdisziplinäre Zusammenarbeit effizient zu gestalten.

Wie beurteilen Sie den Beitrag neuer Instrumente wie künstliche Intelligenz und prädiktive Algorithmen zur Risikostratifizierung und zur personalisierten kardiovaskulären Versorgung?

Künstliche Intelligenz wird die Kardiologie grundlegend verändern, davon bin ich überzeugt. Schon heute kann KI anhand eines EKGs Parameter wie beispielsweise das biologische Alter präzise vorhersagen. Auch aus Biomarkerdaten lassen sich Muster erkennen, die eine frühzeitige Risikostratifizierung ermöglichen. Viele Systeme sind noch nicht vollständig unabhängig validiert, aber das wird sich ändern. 

Ziel ist, dass Hausärzt:innen künftig mit KI-Tools das individuelle kardiovaskuläre Risiko einschätzen und frühzeitig präventiv handeln können. Die Frage, ob KI den Arzt oder die Ärztin ersetzt, lässt sich klar beantworten: Nein. Sie ersetzt nur den Arzt oder die Ärztin, der sie nicht nutzt. KI ist ein Werkzeug, das Ärzt:innen unterstützt, komplexe Zusammenhänge schneller zu erkennen und Patient:innen gezielter zu behandeln. 

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