
Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe
Die Diagnose Brustkrebs verändert das Leben von Patient:innen oft grundlegend und tangiert nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. So rücken neben der medizinischen Therapie Fragen nach Lebensqualität und Selbstwirksamkeit in den Vordergrund. An diesem Punkt setzt das Integrative Brustzentrum Rheinfelden an: mit einem Konzept, das schulmedizinische Präzision mit wissenschaftlich fundierten komplementären Ansätzen verbindet. Im Interview gibt Dr. med. Maik Hauschild, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, Einblicke in eine Medizin, die ganz bewusst eine Behandlung auf mehreren Ebenen anstrebt und die Patient:innen aktiv in den Genesungsprozess mit einbezieht. | Paula-Sophia Wollenmann
Herr Dr. med. Hauschild, was zeichnet das Integrative Brustzentrum in Rheinfelden aus?
Wir verfolgen hier am Integrativen Brustzentrum in Rheinfelden ein ganzheitliches Behandlungskonzept, sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich. Konkret bedeutet dies, dass wir klassische Schulmedizin mit wissenschaftlich belegten komplementärmedizinischen Verfahren kombinieren. Dazu zählen beispielsweise Phytotherapie, Aromatherapie, Traditionelle Chinesische Medizin oder Mind-Body-Medizin. Wir verbinden bewusst «das Beste aus zwei Welten». Uns geht es darum, Patient:innen nicht nur medizinisch zu behandeln, sondern sie umfassend zu begleiten, in einer Situation, die oft mit grossen körperlichen und seelischen Belastungen einhergeht.
Was ist unter dem Begriff integrativ zu verstehen?
Integrativ bedeutet die gezielte Kombination aus der klassischen Schulmedizin und evidenzbasierter Komplementärmedizin. Entscheidend ist dabei die klare Abgrenzung zur Alternativmedizin. Wir ersetzen keine notwendigen medizinischen Therapien, sondern ergänzen sie sinnvoll. Dabei setzen wir ausschliesslich Verfahren ein, deren Wirksamkeit wissenschaftlich untersucht und mit Studien belegt ist. Unser Ansatz richtet sich darauf aus, Patient:innen auf körperlicher, geistiger und seelischer Ebene zu unterstützen und gleichzeitig ihre eigenen Ressourcen zu stärken und die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Diese aktive Einbindung ist ein zentraler Bestandteil unseres Verständnisses von moderner Medizin.
Was war die Motivation, hochspezialisierte schulmedizinische Behandlungen mit wissenschaftlich fundierten komplementärmedizinischen Angeboten zu kombinieren?
Die Idee entstand vor rund 20 Jahren. Damals erschienen viele Studien, die zeigten, dass ein grosser Teil der Patient:innen den Wunsch hat, ergänzend zur Schulmedizin selbst aktiv zu werden. Parallel dazu wuchs die wissenschaftliche Evidenz für bestimmte komplementärmedizinische Verfahren. Für mich als Schulmediziner wuchs damals das Interesse an der Komplementärmedizin und mir wurde klar, dass man diese beiden Sparten nicht getrennt betrachten sollte. Unser Ziel war es, ein Angebot zu schaffen, das beides vereint. Gemeinsam wird mit der Betroffenen zusätzlich zur schulmedizinischen Behandlung jeweils die komplementärmedizinische Methode eingesetzt, die die Patient:in in ihrer aktuellen Krankheitssituation am besten unterstützt.
Wie ist das Integrative Brustzentrum Rheinfelden entstanden?
Das Zentrum ist schrittweise gewachsen. Ausgangspunkt war meine Überzeugung, dass moderne Medizin mehr leisten kann, wenn sie unterschiedliche Ansätze miteinander verbindet. Gleichzeitig wusste ich, dass sich nur sehr wenige Ärzt:innen im Bereich der Komplementärtherapie auskennen und sich Patient:innen oftmals gar nicht getraut haben, ihre Ärztin oder ihren Arzt auf komplementärmedizinische Ansätze anzusprechen.
Gezielt geschult wurden sowohl Ärzt:innen in den Bereichen Naturheilverfahren, Mind-Body-Medizin und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) als auch Pflegefachkräfte, insbesondere im Bereich der Aromapflege. Wir wollten erreichen, dass nicht nur einzelne Spezialist:innen, sondern das gesamte Behandlungsteam in der Lage ist, komplementärmedizinische Ansätze kompetent anzuwenden. Das erforderte umfangreiche Aus- und Weiterbildungen, die wir über Jahre hinweg aufgebaut haben.
Dabei hatten wir das Glück, mit vielen sehr motivierten Mitarbeitenden zu starten und auch heute noch zu arbeiten. Die Klinik war eher klein, dadurch konnte sich eine sehr persönliche, fast familiäre Atmosphäre entwickeln. Diese Kultur ist bis heute erhalten geblieben und spielt eine wichtige Rolle für das Erleben der Patient:innen. Trotz steigender Fallzahlen legen wir grossen Wert darauf, diese Nähe zu bewahren.
Wie wird das Angebot von den Patientinnen angenommen? Wie gross ist die Nachfrage?
Die Nachfrage ist sehr hoch. Wir behandeln mittlerweile ein Mehrfaches der Patientinnen, als allein aus dem Fricktal zu erwarten wären. Das zeigt, dass unser Konzept auf grosse Resonanz stösst. Viele Patient:innen kommen gezielt zu uns, weil sie eine integrative Betreuung suchen. Ein wichtiger Faktor ist auch, dass wir als erste Klinik in der Schweiz im Bereich der integrativen Medizin zertifiziert wurden. Das schafft Vertrauen. Gleichzeitig erleben wir, dass Patient:innen es sehr schätzen, wenn ihre Bedürfnisse nach ergänzenden Therapien ernst genommen und professionell begleitet werden.
Welchen konkreten Nutzen haben Patientinnen? Was nehmen sie aus dem Angebot mit?
Das grosse Ziel der integrativen Medizin ist es, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Dadurch kann die Lebensqualität verbessert werden: Nebenwirkungen von schulmedizinischen Therapien können reduziert werden und so werden Behandlungen in Kombination mit Komplementärtherapie oftmals besser vertragen und dadurch weniger häufig abgebrochen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Förderung der Selbstwirksamkeit. Viele Patient:innen erleben, dass sie aktiv etwas zu ihrem Heilungsprozess beitragen können, etwa durch Ernährung, Bewegung oder Achtsamkeit. Nicht selten führt die Erkrankung zu einem bewussteren Umgang mit dem eigenen Leben und wir beobachten oftmals Patient:innen, die ihren Lebensstil radikal umkrempeln.
Diese Entwicklung begleiten wir und unterstützen sie, wo es sinnvoll ist. Die integrative Medizin steht exemplarisch für einen Wandel im Gesundheitswesen: weg von einer rein krankheitszentrierten Betrachtung, hin zu einem umfassenderen Verständnis von Gesundheit. Im Integrativen Brustzentrum Rheinfelden wird dieser Ansatz im Alltag umgesetzt – mit dem Ziel, Patient:innen nicht nur erfolgreich zu behandeln, sondern sie auch nachhaltig zu stärken.

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