
Facharzt Gastroenterologie FMH
Ärztezentrum Ostermundigen
Die Bedeutung der Darmgesundheit hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Gleichzeitig bleibt die Darmspiegelung für viele Menschen mit Unsicherheit verbunden. Dr. med. André Kugener, Facharzt Gastroenterologie im Ärztezentrum Ostermundigen, spricht im Interview über moderne Vorsorge, häufige Irrtümer und darüber, weshalb Darmkrebs immer öfter auch jüngere Menschen betrifft. | Paula-Sophia Wollenmann
Welchen Stellenwert hat die Darmgesundheit heute in der Prävention und für die allgemeine Gesundheit?
Der Stellenwert der Darmgesundheit hat in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren stark zugenommen. Insbesondere die Forschung rund um das Mikrobiom hat viel dazu beigetragen. Heute versucht man immer besser zu verstehen, wie eng körperliches und psychisches Wohlbefinden zusammenhängen und welchen Einfluss Ernährung, Bewegung oder auch Stress auf die Verdauung und mögliche Erkrankungen im Darmtrakt haben.
In Theorie ist also bereits viel Wissen über Darmflora, Mikrobiom und deren mögliche Auswirkungen auf verschiedene Organsysteme vorhanden. Leider gibt es noch eine gewisse Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, da sich das Wissen noch nicht in vielen Bereichen konkret anwenden lässt.
Die Koloskopie macht vielen Menschen Angst. Ist diese Sorge heute noch gerechtfertigt?
Nein, diese Angst ist heute nicht mehr nötig. Sie kommt häufig daher, dass viele Menschen Geschichten aus dem Familien- oder Bekanntenkreis kennen, die von Darmspiegelungen vor zwanzig oder dreissig Jahren erzählen. Damals war die Untersuchung tatsächlich unangenehmer: Die Patientinnen und Patienten wurden oft nur leicht sediert, teilweise war die Untersuchung schmerzhaft, und auch die Vorbereitung war um einiges aufwendiger.
Heute sieht das jedoch anders aus. Das Unangenehmste ist die Vorbereitung mit dem Abführmittel. Von der Untersuchung selber bekommen die Patientinnen und Patienten gar nichts mit. Wir arbeiten mit Propofol-Sedationen, weshalb die Sorge, während der Untersuchung Schmerzen zu haben, unbegründet ist. Zudem liegt die Komplikationsrate im Promillebereich und ist somit sehr tief. Die meisten Menschen sind im Nachhinein sehr positiv überrascht und berichten, dass sie von der eigentlichen Untersuchung praktisch nichts mitbekommen haben.
Inwiefern beeinflusst unser moderner Lebensstil das Risiko für Darmkrebs?
Lebensstilfaktoren spielen durchaus eine Rolle. Wichtig ist aber zu betonen: Niemand bekommt Darmkrebs nur deshalb, weil er sich falsch ernährt oder zu wenig bewegt. Die Betroffenen tragen keine Schuld an ihrer Erkrankung. Was man jedoch weiss, ist, dass gewisse Faktoren das Risiko erhöhen oder senken können.
Eine ausgewogene Ernährung, regelmässige Bewegung und der Verzicht auf Rauchen können protektiv wirken. Umgekehrt haben stark verarbeitete Lebensmittel wie Fast Food, Bewegungsmangel oder Rauchen einen negativen Einfluss – nicht nur auf das Darmkrebsrisiko, sondern generell auf die Gesundheit. Trotzdem gilt: Auch Menschen mit gesundem Lebensstil können Darmkrebs entwickeln.
Und umgekehrt bedeutet ein ungesunder Lebensstil nicht automatisch, dass jemand erkrankt. Es geht immer um Wahrscheinlichkeiten und Risikofaktoren.
Ist es möglich, ein Risiko für Darmkrebs bereits vor dem Auftreten von Symptomen zu erkennen?
Genau darauf basiert das kantonale Darmkrebs-Screening, das es inzwischen in vielen Schweizer Kantonen gibt. Ziel ist es, Menschen ohne Beschwerden vorsorglich zu untersuchen. Bei der Darmspiegelung geht es nämlich nicht in erster Linie darum, bereits bestehenden Darmkrebs zu entdecken, sondern Vorstufen zu erkennen. Häufig findet man sogenannte Polypen – gutartige Veränderungen der Darmschleimhaut. Diese können sich über Jahre hinweg zu Krebs entwickeln.
Das Positive beim Darmkrebs ist, dass er meist nur sehr langsam wächst. Werden solche Polypen früh entdeckt, können sie direkt entfernt werden, bevor überhaupt Krebs entsteht. Genau darin liegt der grosse Wert der Vorsorge.
Alternativ gibt es Stuhltests, mit denen verborgenes Blut im Stuhl nachgewiesen werden kann. Diese Tests sind hilfreich, erkennen jedoch kleine Polypen oft nicht, weil diese noch gar nicht bluten.
Welche verbreiteten Irrtümer gibt es rund um Darmkrebs und die Vorsorge?
Ein sehr häufiger Irrtum lautet, wenn man keine Beschwerden hat, dann braucht man keine Vorsorge. Genau das stimmt eben nicht. Der Krebs verläuft ziemlich lange symptomfrei. Sind die Symptome da, so ist es meist schon einen Ticken zu spät. Ein weiterer Irrglaube ist, dass Vorsorge nur dann notwendig sei, wenn Darmkrebs in der Familie vorkommt. Tatsächlich entstehen die meisten Fälle jedoch spontan. Es gibt zwar genetische Häufungen, die machen jedoch nur einen geringen Prozentsatz aus.
Auch die Vorstellung, Darmkrebs betreffe ausschliesslich ältere Menschen, stimmt heute nicht mehr. Zwar steigt das Risiko mit dem Alter an, dennoch sehen wir zunehmend jüngere Betroffene, was auch aktuelle Schweizer Studien zeigen. Während die Darmkrebszahlen bei Menschen über fünfzig Jahren eher zurückgehen, nehmen die Erkrankungen bei jüngeren Menschen zu. Ein Grund dafür könnte sein, dass man bei älteren Menschen stärker sensibilisiert ist. Wenn eine Person über fünfzig Blut im Stuhl hat oder andere Beschwerden zeigt, denkt man schneller an Darmkrebs. Bei jüngeren Menschen wird diese Möglichkeit dagegen oft weniger früh in Betracht gezogen. Das Problem ist, dass der Krebs bei jüngeren Betroffenen dadurch häufig erst in einem fortgeschritteneren Stadium entdeckt wird. Die genauen Ursachen für die Zunahme sind allerdings noch nicht vollständig geklärt, auch Umweltfaktoren oder Veränderungen im Lebensstil werden diskutiert.
Wie könnte die Darmkrebsvorsorge in den kommenden Jahren aussehen?
Die Darmspiegelung wird ihren Stellenwert vermutlich behalten. Es gab immer wieder alternative Methoden, doch keine konnte die Koloskopie vollständig ersetzen. Möglich ist allerdings, dass das empfohlene Vorsorgealter in Zukunft gesenkt wird. Angesichts der steigenden Zahl jüngerer Betroffener wäre das durchaus sinnvoll. Und auch wenn viele darauf hoffen – beim Thema Abführmittel wird es wahrscheinlich nicht so schnell eine revolutionäre Verbesserung geben. Die Vorbereitung bleibt wohl weiterhin der unangenehmste Teil der Untersuchung.

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