
Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, Schulter- und Ellbogenchirurgie sowie Sportmedizin
Ein plötzlicher Sturz oder Zusammenprall, ein stechender Schmerz und dann das deutliche Gefühl, dass «die Schulter nicht mehr hält» – jedes Jahr erleiden Tausende Menschen eine Schulterluxation, ein Auskugeln des beweglichsten und damit gefährdetsten Gelenks im Körper. Wie erkennt man die Verletzung? Warum sollte man sich in die Notaufnahme begeben? Wie verhindert man am besten ein erneutes Auskugeln? Dr. med. Paolo Fornaciari, Schulterchirurg und Sportmediziner, hat mit uns über den gesamten Weg vom Moment des Unfalls bis zur sicheren Wiederaufnahme unserer Lieblingsaktivitäten gesprochen. | Adeline Beijns
Was ist eine Schulterluxation und wie kommt es am häufigsten zu dieser Verletzung?
Die Schulterluxation ist das vollständige Auskugeln des Oberarmkopfes aus dem Schultergelenk. In mehr als 90% der Fälle handelt es sich um eine antero-inferiore Schulterluxation. Bereits in der Antike beschrieben – insbesondere von Hippokrates –, tritt sie meist bei Stürzen mit gestrecktem Arm in Aussenrotation, durch direkte Zusammenstösse bei Kontaktsportarten (Rugby, Fussball, Kampfsport, CrossFit) oder bei abrupten Wurfbewegungen über den Stabilitätsbereich hinaus auf. Auch Unfälle zu Hause oder bei Gleitsportarten wie dem Skifahren gehören zu den Ursachen. Darüber hinaus kann eine Überbeweglichkeit der Gelenke eine Schulterluxation begünstigen.
Was sind die typischen Symptome?
Der Schmerz ist heftig und unmittelbar, der Arm lässt sich kaum bewegen, fühlt sich oft «taub» an. Patient:innen können in der Regel keine Aussenrotation und kein vollständiges Abspreizen durchführen. Der Oberarmkopf ist oft im vorderen Bereich der Schulter ertastbar, der hintere Bereich kann hohl wirken, mit einem hervorstehenden Schulterdach. Bei stark muskulösen oder übergewichtigen Personen kann die Fehlstellung weniger sichtbar sein.
Was ist direkt nach einer Ausrenkung zu tun? Ist diese ein medizinischer Notfall?
Obwohl es sich um einen orthopädischen Notfall handelt, kann die Ausrenkung in komplexeren Zusammenhängen nach einem mehr oder weniger heftigen Unfall auftreten. Bei schweren Traumata ist eine einschlägige medizinische Betreuung der Verletzten unerlässlich, bei der die Vitalparameter während der gesamten Behandlung priorisiert werden können. Bei kleineren Verletzungen oder wiederkehrenden Ausrenkungen kann bei entsprechender Kompetenz vor Ort oder zu Hause der Arm in der am wenigsten schmerzhaften Position ruhig gestellt werden. Zusätzlich sollte geprüft werden, ob Nerven- oder Gefässverletzungen bestehen.
Zeigen sich keine Verletzungszeichen, kann der Schmerz mit Eis und einem den Patient:innen bereits bekannten Schmerzmittel gelindert werden, sofern sie bei Bewusstsein und damit einverstanden sind. Danach muss rasch die Notaufnahme aufgesucht oder der Rettungsdienst gerufen werden. Je früher die Einrenkung erfolgt, desto geringer ist das Risiko für Nerven- oder Gefässschädigungen. Sofern der Patient oder die Patientin die genauen Bewegungen zur Einrenkung nicht aufgrund von früheren Ausrenkungen kennt, sollte nie versucht werden, die Schulter selbst wieder in Position zu bringen – durch einen ungenauen Eingriff können Nerven oder sogar Arterien verletzt werden.
Wie läuft die Behandlung ab?
In der Notaufnahme bestätigt eine Ärztin oder ein Arzt die Diagnose und prüft, ob eventuell ein Bruch besteht. Die Einrenkung erfolgt unter Betäubung, Sedierung oder leichter Narkose (Dämmerschlaf) mit anschliessender Röntgenkontrolle. Danach wird der Arm je nach Schweregrad und Zustand ein bis sechs Wochen in einer Armschlinge oder einer Ellbogenschiene ruhig gestellt. Die Rehabilitation beginnt früh mit schonenden passiven Mobilisationen, um Steifigkeit zu vermeiden, gefolgt von einer schrittweisen Kräftigung der Rotatorenmanschette und des Schulterblatts. In der Regel erfolgt die Wiederaufnahme des Sports nach drei Monaten, teilweise auch später, wenn die Stabilität wiederhergestellt ist. Sofort operiert wird nur bei Ausrenkungen mit verschobenen Frakturen.
Besteht das Risiko einer erneuten Ausrenkung und gibt es präventive Massnahmen?
Das Risiko hängt vor allem vom Alter und dem Aktivitätsniveau ab: Laut Studien beträgt es bis zum 20. Lebensjahr über 80% und nach dem 40. Lebensjahr unter 15%. Um ihm vorzubeugen, ist in der Physiotherapie eine gezielte Stärkung der Rotatorenmanschetten- und Schulterblattmuskulatur wichtig. Exponierte Sportler:innen können zu Beginn eine sog. propriozeptive Orthese tragen, um sich der Risiken und der Tatsache, dass die Schulter noch nicht vollständig ausgeheilt ist, bewusst zu sein. Bei jungen, sehr aktiven Menschen oder bei wiederholten Ausrenkungen reduziert die Stabilisationschirurgie das Risiko bleibender Verletzungen deutlich.
Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für oder gegen einen operativen Eingriff?
Ich berücksichtige den Wunsch der Patient:innen in Bezug auf ihre sportliche oder berufliche Tätigkeit sowie das Alter, die Schwere der Verletzungen, die sog. natürliche Laxität und die Anzahl der Auskugelungen. Ein:e Kontaktsportler:in unter 20 Jahren wird aufgrund des hohen Risikos für erneute Verletzungen oft bereits beim ersten Auftreten operiert. Umgekehrt wird eine wenig aktive 50-jährige Person von einer konservativen Therapie mit Fokus auf Rehabilitation profitieren. Dazwischen wird die Entscheidung nach Beurteilung der Stabilität von Fall zu Fall getroffen.
Noch ein paar Worte zum Abschluss?
Es ist wichtig, die Wünsche der Patient:innen zu verstehen, um die Behandlungsschritte anzupassen. Zudem sollte mit medizinischem Fachpersonal zusammengearbeitet werden, das über Erfahrung und Expertise auf dem Gebiet der Schulterverletzungen verfügt. Bei entsprechender physiotherapeutischer Begleitung finden die meisten Patient:innen wieder in ein ganz normales Leben zurück – auch sportlich.
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